Apostelgeschichte 6,1-7
13. Sonntag nach Trinitatis
Pastorin Kornelia Schauf
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des
Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Apostelgeschichte 6,1-7
1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.
3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.
6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.
Liebe Gemeinde,
Mit dem Predigttext sind wir in der Zeit der ersten christlichen Gemeinden. Wir hören, dass die Gemeinden größer wurden. Wunderbar. Das war beabsichtigt. Die Sache Jesu geht weiter – das war Segen und Trost.
Doch wie bei jeder anderen Veränderung: Nichts ist einfach nur wunderbar – sondern fordert die Leitung auf, ihre Strategie und ihr Handeln zu verändern.
Obwohl es doch großartig ist, wenn eine Gemeinde wächst, berichtet Lukas von Unzufriedenheit.
„Murren“ ist die Vokabel, die er benutzt. Wohlgemerkt, für den aufmerksamen Bibelleser ist es eine bekannte Erscheinung. Die Vokabel erinnert sofort an den Auszug aus Ägypten. Einige der Befreiten „murren“ als der Weg in der Wüste länger dauert, als erwartet.
Lukas erzählt von einem ähnlichen Phänomen. Einige der jungen Christen, gerade erlöst und befreit „murren“. Ihnen passt nicht, was in der Gemeinde geschieht. Sie haben sich das anders vorgestellt.
Für mich ist das eine Beruhigung: Wenn eine Gemeinde lebendig ist, dann wird es da auch immer etwas zu „murren“ geben. „Murren“ ist ein Zeichen dafür, dass sich etwas tut. „Murren“ ist eine Reaktion auf Veränderung.
Die Frage ist: wer kümmert sich, wenn Einige unzufrieden sind. Natürlich: diejenigen, die mit der Leitung beauftragt sind. In der Wüste war es Mose. In der wachsenden christlichen Gemeinde zur Zeit von Lukas, die Apostel.
Auch das können wir festhalten: Gemeinde braucht Leitung. Und die Leitung einer Gemeinde ist nicht einfach, denn sie hat nicht nur die Aufgabe, Gebäude und Finanzen zu erhalten und zu verwalten. Sie hat sich vor allem auch mit den Unzufriedenen zu beschäftigen. Die Leitung sucht nach Lösungen. Die Leitung ist verantwortlich neue Wege einzuschlagen, wenn es notwendig ist.
In unserem heutigen Predigttext geht es um eine Gruppe in der Gemeinde, die meint, sie kommt zu kurz. Es waren die griechischen Juden, die meinten, ihre Witwen würden nicht beachtet.
Im Gegensatz zu den hebräischen Witwen, die gut versorgt wurden.
„Das ist unfair!“ war ihre Beschwerde. Die Gemeindeleitung, die aus zwölf Aposteln bestand, hört das und reagiert. Sie beraten sich und stellen fest: Unsere Gemeinde ist zu groß. Die Aufgaben zu viele. Wir können das nicht mehr allein schaffen. Wir brauchen Unterstützung.
Auch das erinnert an das, was Mose erlebte. Auch Mose war an einem Punkt, wo er seine Aufgaben allein nicht schaffte. Und sein Schwiegervater riet ihm: Such dir Unterstützung.
Auch das können wir aus dieser Geschichte mitnehmen: Wachstum und Entwicklung geschehen nicht, indem wir immer mehr Aufgaben denen aufbürden, die sowieso schon viel tun. Es gibt Grenzen des Machbaren für jede Gruppe und jeden Menschen.
Mir gefällt aber, wie die Apostel mit der Beschwerde umgehen: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tisch sitzen.“
Mit anderen Worten: sie nehmen ihr Amt als geistliche Leitung ernst.
Dass Witwen übersehen werden und zu wenig bekommen, ist für sie nicht in erster Linie eine unfaire Verteilung von Geld, also ein finanzielles Problem. Nein, sie merken: wir nehmen an dieser Stelle das Wort Gottes nicht ernst.
Denn schon im Alten Testament steht, dass es eine Aufgabe der glaubenden Gemeinschaft ist, sich um die Witwen zu kümmern. Warum die Witwen: Weil sie sozial nicht abgesichert waren: Witwe werden hieß in aller Regel: arm sein.
„Wir nehmen das Wort Gottes nicht ernst!“ Mit anderen Worten: Lösungen finden wir bei Gott, in seinem Wort, im Gebet und im geistlichen Austausch.
Diese geistliche Leitung zeichnet christliche Gemeinden und Kirchen aus.
Die geistliche Leitung betrifft alle Bereiche einer Gemeinde. Ob es um Gebäude geht, ob es um Finanzen geht, ob es um Personalfragen geht, alles wird in seiner geistlichen Dimension betrachtet.
Zum Beispiel Streit in der Gemeinde: Es ist nicht Aufgabe von Leitung sich einer Position anzuschließen und festzulegen, wer richtig liegt und wer falsch. Es ist viel mehr eine geistliche Aufgabe den Streit so zu begleiten, dass er überwunden werden kann. Ein Kompromiss kann gefunden werden. Oder es gibt ein Zeichen von Versöhnung und Einsicht. Es gibt die Möglichkeit Schuld zu bekennen, Fehler einzugestehen und dann einander neu zu begegnen. Es kommt darauf an unseren Glauben zu leben auch in Konflikten.
Ein anderes Beispiel: die Not von Menschen. Sie ist nicht nur ein praktisches Problem, sondern oft ein Ausdruck von Unrecht und Ungerechtigkeit. Es ist ein geistliches Anliegen, dass nicht nur die Not des Einzelnen in den Blick kommt und Hilfe geleistet wird. Es geht auch darum, grundsätzlich unfaire und ungerechte Strukturen zu überwinden.
Die Lösung in der Apostelgeschichte ist eine geistliche Lösung: Weil die Aufgaben zunehmen, werden Menschen gesucht, die helfen können. Es werden neue „Ämter“ eingesetzt. Die Struktur der Gemeinde verändert sich.
Zusätzlich zu den zwölf Apostel werden Diakone eingesetzt. Ein neues Amt. Ein neuer Beruf.
Die Leitung entlastet sich und schafft sich den Freiraum für Gebet und das Studium für Gottes Wort. Sie holen sich Unterstützung und führen die Diakone mit Handauflegung ein.
Wir feiern heute ein Gemeindefest. „Kommt mit Gaben und Lobgesang!“ Wir nehmen dankbar wahr, wie viele Mitglieder in unserer Gemeinde Ämter wahrnehmen: Teedienst und Parkplatzdienst, Lesedienst, Mitarbeit im Kindergottesdienst, Musikdienst, Kirchenvorstand, Chöre, Besuchsdienst für Geburtstage, Krankenhausbesuchsdienst, Gebetsdienst, Gartendienst, Büro, Gemeindebrief und Seniorenarbeit, diakonische Projekte und Mission …
Das alles, so wird uns heute bewusst gemacht sind Aufgaben, die eine geistliche Dimension haben.
Da ist kein Amt wichtiger als das andere. Wir sind und bleiben ein Leib – geleitet durch Jesus Christus.
Die Erfahrung der ersten Gemeinde war erfreulich. Solange ihnen bewusst ist, dass Gott ihre Kraftquelle ist und sie ihre Gemeinschaft dem Geist Gottes verdanken, da ist die Gemeinde lebendig und da wächst etwas. Das Wort Gottes breitet sich aus. Die Gemeinde erfüllt ihre Berufung und Bestimmung.
Das Entscheidende in Jerusalem und für uns ist nicht, dass es keine Probleme und Herausforderungen mehr gibt. Es wird immer wieder so sein, dass irgendwo „gemurrt“ wird.
Eine lebendige Gemeinde ist nicht eine Gemeinde ohne Konflikte, sondern eine Gemeinde, wo die Leitung aufmerksam hinhört und ihnen im Geist Gottes begegnet. Die Apostel antworten nicht:
„Stellt euch nicht so an!“
Ich will mit einem weiteren Gedanken auf den Inhalt des „Murrens“ eingehen:
Einige wurden übersehen – oder zumindest fühlten sich übersehen.
Das ist und bleibt in vielen Gemeinden ein Problem. Menschen fühlen sich übersehen und sie werden auch übersehen.
Jeder von uns kann sich fragen: Wen übersehe ich hier jeden Sonntag? Wen habe ich noch nie wahrgenommen.
Und wie wir in der ersten Gemeinde gesehen haben: es wurden Personen gesucht, die die passende Begabung haben, um sich um diejenigen zu kümmern, die übersehen werden.
Für uns und unser Gemeindefest bedeutet das:
Gemeinde ist lebendig, wo wir neue Begabungen entdecken. Gemeinde ist lebendig, wenn Probleme liebevoll und mit einer geistlichen Haltung gelöst werden.
Die Gemeinde wurde nicht perfekt. Doch das Wort Gottes breitete sich aus.
Menschen wurden gesehen.
Das ist in unserer Welt eine der wichtigsten Aufgaben einer Gemeinde: Es kommt auf jede und jeden an.
Gott verliert keinen Menschen aus dem Blick. Gott sieht jede und jeden von uns. Ich glaube, dass genau darin auch ein Maßstab für Gemeinde liegt: Gut, dass wir einander haben.
Lasst uns deshalb immer wieder fragen: Haben wir jede und jeden im Blick?
Wen sehen wir – und wen übersehen wir vielleicht noch?
Unsere Gemeinde ist größer als wir manchmal denken. Solange noch „gemurrt“ wird, entwickelt sich etwas. Unsere Gemeinde ist sehr lebendig!
Dafür danke ich Gott von ganzem Herzen. Amen.
