Predigten - 2026

Lukas 19,1-10



14. Sonntag nach Trinitatis

Pastorin Kornelia Schauf


Lukas 19,1-10


Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 

Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 

Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 

Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 

Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 

Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des

Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

Jesus sucht die Gemeinschaft mit einem Mann, der einen schlechten Ruf hatte.

Es ist kein Wunder, dass andere sich darüber ärgern.

Es ist nicht irgendein Mann, zu dem Jesus sich nach Hause einlädt. Es ist Zachäus. Er hat einen unangenehmen Beruf: Steuern und Zoll eintreiben. Und er ist nicht einfach nur einer der vielen Angestellten. Nein, Zachäus ist weit oben. Er gehört in die Chefetage.

Was hinzukommt: die Zöllner arbeiteten mit der römischen Besatzungsmacht zusammen.

Das machte sie noch unbeliebter.

Auf der anderen Seite sind diejenigen, die sich über Jesus Besuch bei Zachäus ärgern.

„Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“, stellen sie abfällig fest.

Das passt doch nicht zu Jesus. Jesus ist ein frommer Jude. Wie kann er das tun?

Sie fragen ihn nicht, sondern sie verurteilen Jesus.

Sie sind enttäuscht von ihm.

Und auf der anderen Seite ist Zachäus. Auch er teilt den Eindruck, dass Jesus nicht in sein Haus passt und ist sehr überrascht – freudig überrascht.

Dass Jesus ihn auswählt und mit ihm Gemeinschaft haben will, macht aus ihm einen neuen Menschen.

Plötzlich sieht er, was die anderen sehen und ihm vorwerfen: Zachäus hat Menschen betrogen. Zachäus hat seinen Einfluss missbraucht und mehr genommen, als legal war.

Seine Macht hat ihm Freude bereitet. Er hat sich daran gut bedient.

Das kann Zachäus sich plötzlich eingestehen. Und es bleibt nicht bei der Einsicht und dem Lippenbekenntnis, sondern er zieht Konsequenzen. Zachäus ändert sich und überlegt, wie er den Schaden, den er angerichtet hat, wieder gut machen kann.

Jesus bestätigt, dass seine Mission, sein Auftrag erfolgreich durchgeführt ist: „Diesem Haus ist Heil widerfahren. Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“

Auf welche Seite stellt ihr euch beim Zuhören? Auf die Seite des beschämten Zachäus, der sich neu erkennt. Der zugeben kann, dass er in Böses verwickelt ist. Der sich nicht länger etwas vormacht und innerlich seine Schuld rechtfertigt: „Ich habe es zu etwas gebracht.

Ich bin ein Großer in dieser Stadt, einer von den Oberen.“

Nun gibt er es zu: ich bin ein kleiner Mann, obwohl ich es bis ganz nach oben gebracht habe.

Diese Erkenntnis deutet sich schon an, als er auf den Baum klettert. Warum er Jesus unbedingt sehen will, erzählt Lukas uns nicht. Aber irgendetwas treibt ihn dazu, sich auf diesen Baum zu stellen. Er macht sich lächerlich und da schon steht er endlich zu seiner wirklichen Größe.

Er steht nicht in Reihe eins auf der Straße. Den Platz könnte er sich sicher nehmen. Nein, er steigt auf einen Baum – dem Himmel etwas näher.

Hätten wir diesen Mut?

Oder bleiben wir auf der Seite derer, die von sich ein Bild haben: Wir gehören zu den Guten.

Wir wissen was richtig ist.

Lukas erzählt mit dieser Geschichte: In der Gemeinschaft mit Jesus werden wir die, die wir sind. Wir erkennen gut und böse.

Da wird aus einem kleinen Mann, der ein großer korrupter Zolleintreiber ist, wieder ein Gastgeber für Jesus und ein fairer Mitbürger. Zachäus räumt Jesus Platz ein in seinem Haus und in seinem Leben. Das ist eine Lebensveränderung. So ist es im Glauben. Wir erkennen und verstehen uns neu. Zachäus wird zum Vorbild. Ein Mann, der umkehrt.

Das erfordert Mut. Dieser Mut wird ihm in der Begegnung mit Jesus geschenkt. Weil Jesus an ihm interessiert ist. Weil Jesus ihn nicht verurteilt und verstößt, sondern weil Jesus auf ihn zugeht, wird ihm möglich, was bisher unmöglich erschien.

Immer wieder stolpere ich darüber, wie viele Menschen das ärgert. Man könnte doch hoffen und meinen, alle wären froh.

Ach, was können wir Menschen hart und ausgrenzend sein. „Mit dem wollen wir nichts zu tun haben“. So leicht stempeln wir Menschen dauerhaft ab. Wir reduzieren sie auf ihre Fehler. Wir werfen ihnen vor, was sie falsch machen. Das ist menschlich und es ist auch

verständlich. Wir Menschen tendieren zur Selbstgerechtigkeit.

Doch Jesu überwindet diese menschliche Ausgrenzerei. Sein Herz ist groß, seine Liebe weit. Da kann ein Mensch heil werden, befreit von seiner Schuld. Da findet ein Mensch sich neu und es wird ihm möglich, wieder gut zu sein zu seinen Mitmenschen.

Sicher ist das im Einzelfall nicht so einfach wie es sich in dieser Geschichte anhört.

Manchmal erfordert es therapeutische Begleitung und natürlich muss Korruption auch rechtlich verfolgt werden. Nein, die Umkehr ist oft ein langer Weg.

Was Lukas erzählt: sie kann erfolgreich sein. Ein Mensch kann sich verändern.

Das ist für mich der Kern der Geschichte. Ein Mensch muss nicht verbogen und in Schuld verstrickt bleiben. Ein Mensch muss nicht weiter machen mit seinem Verhalten, das ihm und anderen schadet.

So einfach wird es erzählt und so schwer bleibt es.

Zachäus zahlt zurück, sogar mehrfach. Ob er damit allen Schaden wieder gut machen kann, wissen wir nicht. Doch Jesus sieht mehr in diesem Mann.

„Komm herunter vom Baum“ sind entscheidende Worte: Komm herunter von deinem hohen Ross. Komm mal wieder auf die Erde. Steh zu dem, was und wer du bist. Mache dir nichts vor. In Jesus Gegenwart kann das alles aufhören. Jesus macht Zachhäus nicht klein.

Er demütigt ihn nicht. Er befreit ihn, zu seiner Kleinheit zu stehen und sie anzunehmen.

Er wird wieder ein Mensch und ein Mitmensch. Jemand der andere nicht länger benutzt und ausbeutet und seine Macht missbraucht, sondern jemand, der Gerechtigkeit verstanden hat und vor allem, was er selbst dazu beitragen kann.

Wo gibt es heute solche Begegnungen, wo wir im Geist Jesu frei werden, uns abzuwenden von Unrecht? Jesus ist nicht mehr unterwegs wie auf den Straßen Jerichos.

Wir können auf noch so hohe Bäume klettern: Jesus sehen wir dort nicht. Und trotzdem kann es geschehen, dass Jesus heute in unser Leben kommt; vielleicht so, dass wir plötzlich merken: Da spricht mich etwas an. Da lässt mich etwas nicht mehr los.

Da begegnet mir ein Mensch, durch den mir Jesus begegnet.

Da höre ich ein Wort aus der Bibel – und plötzlich trifft es mich.

Da geschieht etwas, das mich anhält und mich mein eigenes Leben anders anschauen lässt. Vielleicht ist es dann, als würde Jesus auch heute sagen:

„Ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Jesus lädt sich ein in unser Leben.

Nicht erst dann, wenn schon alles bei uns in Ordnung ist.

Sondern mitten hinein in unser Leben, mit all seinen Schattenseiten. Heute.

Die Frage ist nur: Geben wir Jesus Platz? Was würde ich heute anders machen, wenn ich wüsste: Jesus ist jetzt hier? Was wird anders, wenn Jesus heute bei mir einkehrt? Wem würde ich anders begegnen? Wo würde ich aufhören, mich selbst zu rechtfertigen?

Wo würde ich Unrecht eingestehen? Was müsste ich zurückgeben und wieder gut machen? Wofür müsste ich um Vergebung bitten? Welche Tür müsste ich öffnen?

Nicht irgendwann, sondern heute?

Amen