2.Timotheus 1,7-10
16. Sonntag nach Trinitatis
Pastorin Kornelia Schauf
2.Timotheus 1,7-10
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.
9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,
10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium,
Liebe Gemeinde,
„Wärst du hier gewesen!“, werfen Maria und Martha Jesus vor. Der Satz geht weiter: „Wärst du rechtzeitig hier gewesen, dann wäre Lazarus nicht gestorben“.
Jesus betritt das Haus seiner trauernden Freundinnen. Ihre Not, ihre Angst, ihre Hilflosigkeit und ihre Traurigkeit angesichts des Verlusts berühren ihn.
Jesu tritt ein in dieses Trauerhaus und nimmt wahr, wie sehr der Tod von Lazarus die Frauen aus der Bahn wirft.
So ist der Tod. Er tritt in unser Leben und hat eine unglaublich große Macht. Er hat die Macht, uns aus der Bahn zu werfen.
Auch Timotheus macht diese Erfahrung. Er hat miterlebt, wie Paulus gedemütigt und verfolgt wurde und dem Tode nahe war. Er selbst, Timotheus war eingesperrt im Gefängnis und fürchtete, dass er umgebracht würde.
Die Angst vor dem Sterben und dem Tod ist real.
Jesus ist berührt von dieser Not.
Und Paulus ist ebenfalls bewegt von der Not seines Mitarbeiters Timotheus.
Wer mit Menschen zu tun hat, in deren Leben der Tod gerade sehr gegenwärtig ist, der wird verstehen.
Wir entkommen dem Tod nicht. Trotz der Auferstehung Jesu. Das ist es, was Johannes beschäftigt, als er sein Evangelium schreibt.
Dieses verzweifelte „Wärst du rechtzeitig hier gewesen!“, ist die Klage der jungen Christengemeinde, die in Rom verfolgt wird. Sie waren auf die Wiederkunft Jesu und sind überzeugt, dass alles Leiden und jeder Tod überwunden ist, wenn Jesus wiederkehrt.
Doch so schnell ist Jesus nicht. Er lässt sich Zeit. Schon auf dem Weg zu Maria und Martha lässt er sich Zeit. Er erspart ihnen den Tod nicht. Niemand von uns wird durch seinen Glauben unsterblich.
Aber was bedeutet die Auferstehung Jesu dann für uns und unsere Erfahrung mit dem Tod. Immer wieder wurde das so formuliert: Dem Tod wird seine Macht genommen.
Paulus beschreibt es in seinem Brief an Timotheus so:
1. Gottes Geist wirkt in uns und bewirkt, dass wir angesichts des Todes besonnen, liebevoll und kräftig bleiben.
2. Jesus Christus nimmt dem Tod die Macht und bringt durch das Evangelium Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht.
Als Jesus zu Maria und Martha geht, da erleben sie die Kraft, die von Jesus ausgeht: Lazarus wird lebendig. Nicht nur Jesus wird auferweckt nach dem Tod: das gilt auch uns anderen Menschen.
„Lazarus bekommt sein Leben zurück. Wir bekommen nicht einfach unser altes Leben zurück – aber wir bekommen die Hoffnung auf neues Leben.“
Oder wie Paulus sagt: Ein unvergängliches Wesen wird ans Licht gebracht.
Wenn ich das lese, dann fallen mir sehr viele unterschiedliche Erfahrungen mit dem Tod ein und mir fallen Situationen ein, in denen das wahr wird: Der Tod wird entmachtet.
Immer wenn das geschieht, ist es ein Wunder. Es ist etwas, das wir nur mit dem Herzen verstehen.
Ich sehe es in der Furchtlosigkeit, die Dietrich Bonhoeffer geschenkt wurde. Die Nazis, obwohl sie ihn umgebracht haben, hatten keine Macht über ihn. Er ist in seinem Vertrauen frei geblieben. So frei, dass er im Gefängnis noch schreiben konnte: Von guten Mächten wunderbar geborgen.
„Die ‚guten Mächte‘ – so verstehe ich es – sind ein Bild für Gottes Geist, der einen Menschen mitten in der Bedrohung bewahren kann: nicht unbedingt vor dem Tod, aber davor, dass der Tod alles bestimmt.“
Ich habe solche Furchtlosigkeit und Besonnenheit angesichts des Todes schon häufig erlebt. Menschen, die liebevoll bleiben, obwohl sie den Verlust beklagen.
Maria und Martha haben Jesus zu sich gerufen. Da Jesus nicht mehr leiblich unter uns lebt, ist das für uns heute auf den ersten Blick viel schwerer. Im Grunde aber ist es das Gebet. Maria und Martha beten: sie bitten und flehen Jesus herbei.
Das können wir in Gebeten ebenfalls tun. Als Jesus zu ihnen kommt, als sie spüren und erleben, wie nah ihm der Tod ihres Bruders geht, da erleben sie Trost und da erleben sie die Kraft der Auferstehung.
Das lese und höre ich in dieser Geschichte und das ermutigt mich, ins Gebet zu gehen.
Im Gebet entsteht der Raum und da ist die Zeit, wo Gottes Geist in uns wirkt.
Im Gebet können Wut und Ärger und Hilflosigkeit angesichts des Todes verwandelt werden und da im Gebet können uns Liebe und Besonnenheit geschenkt werden.
Im Gebet verändert sich die Klage „Wärst du hiergewesen!“ zu der Erfahrung, Jesus ist hier. Er und der Geist Gottes wirken. Sie sind lebendig. Sie nehmen dem Tod die Macht.
Ein Zweites wird mir bewusst: Die Liebe, die Menschen angesichts des Todes hilft. Timotheus hat durch Paulus Brief sicher neuen Mut und Lebenskraft bekommen. Maria und Martha wurden durch Jesus getröstet. Wir sollten die Kraft, die wir uns gegenseitig geben können in den Phasen von Tod und Sterben nicht unterschätzen.
Sicher, wir fühlen uns an manchem Sterbebett hilflos und sprachlos.
Da ist etwas in uns, dass dem anderen diesen Verlust ersparen möchte und etwas, das uns zweifeln lässt. Da fühlt es sich so an, als seinen wir machtlos gegenüber dem Tod.
Gleichzeitig aber, wenn wir weiter liebevoll und verbunden da bleiben – und mitfühlend wahrnehmen, was diejenigen brauchen, die den Verlust erleben – dann werden wir merken: Mitten im Tod bleibt die Liebe lebendig.
Ich habe früh angefangen, mich mit dem Sterben und dem Tod auseinanderzusetzen. Meine Eltern waren beide dem Tod nur knapp entkommen. Wir wussten von dem sinnlosen Morden im 2:Weltkrieg und wir verstanden die Hilflosigkeit.
Es ist für mich nachvollziehbar, dass Menschen angesichts all dessen an Gott zweifeln. Dass der Gedanke aufkommt: Gott ist tot. Und ich kann auch nachvollziehen, dass Menschen angesichts von so viel sinnlosem Sterben irgendwann sagen: Dann geben wir eben die Hoffnung auf. Dann geben wir vielleicht auch die Menschheit auf. Aber im Grunde bekommt der Tod dadurch noch mehr Macht.
Viktor Frankl hat mir geholfen, das anders zu sehen. Frankl war Jude und hat die nationalsozialistischen Konzentrationslager überlebt. Er hat erlebt, wie Menschen gedemütigt, entrechtet und ermordet wurden. Und gerade aus dieser Erfahrung heraus hat er sich mit der Frage beschäftigt, was dem Menschen auch unter den schlimmsten Bedingungen noch bleiben kann: die innere Freiheit, eine Haltung einzunehmen und seinem Leben einen Sinn zu geben.
Für mich berührt sich das mit dem, was Paulus an Timotheus schreibt. Gottes Geist nimmt uns nicht aus der Wirklichkeit des Todes heraus. Aber er kann uns davor bewahren, dass der Tod unser Denken, unser Handeln und unser Herz beherrscht. Wenn wir um einen Geist bitten, der nicht von Furcht, Angst und Wut getrieben ist, sondern von Besonnenheit, Hoffnung, Vertrauen und Liebe, dann können mitten im Tod Auferstehungswunder geschehen.
Vielleicht ist das am Ende die entscheidende Frage: Woran merken wir, dass der Tod seine Macht verliert? Nicht daran, dass niemand mehr stirbt. Nicht daran, dass wir vor jedem Verlust bewahrt werden. Sondern vielleicht daran, dass mitten im Tod das Leben weitergeht. Dass Menschen füreinander da bleiben. Dass einer die Hand eines anderen hält. Dass jemand zuhört, obwohl es keine Antwort gibt. Dass wir miteinander weinen und trotzdem hoffen. Dass wir uns vom Tod nicht dazu bringen lassen, die Liebe aufzugeben. Denn genau darin liegt für mich die Kraft der Auferstehung. Der Tod kann uns Menschen nehmen. Aber er muss uns nicht die Liebe nehmen. Er kann uns einen Menschen nehmen. Aber er muss uns nicht die Fähigkeit nehmen, füreinander da zu sein. Er kann unsere Gewissheiten erschüttern. Aber er muss uns nicht die Hoffnung nehmen. Und vielleicht ist das gemeint, wenn Paulus sagt: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Dieser Geist macht uns nicht unsterblich. Aber er macht uns lebendig. Deshalb können wir wie Maria und Martha beten: „Wärst du hier gewesen!“ Wir dürfen klagen. Wir dürfen fragen. Wir dürfen Gott unseren Schmerz zumuten. Aber vielleicht verwandelt sich unsere Klage im Gebet ganz langsam. Nicht unbedingt in eine Antwort. Sondern in eine Gegenwart: Jesus ist hier. Gottes Geist ist hier. Die Liebe ist hier. Und mitten im Tod beginnt etwas Neues. Das ist Auferstehung. Das ist das Wunder, das wir nicht immer erklären können, sondern manchmal nur mit dem Herzen erkennen. Gott bringt das Leben ans Licht. Und deshalb gehen wir nicht ohne Hoffnung durch diese Welt. Denn der Tod hat weniger Macht. Christus ist auferstanden. Und sein Geist ist lebendig – mitten unter uns.
