Predigten - 2026

Markus 8,1-10



18. Sonntag nach Trinitatis - Erntedank

Pastorin Kornelia Schauf


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Ihr habt den Abschnitt aus dem Markusevangelium gehört. Und habt ihr gestutzt?  War das alles so, wie ihr die Geschichte erinnert: Sieben Brote? Und am Ende sieben Körbe? Oder hattet ihr den Eindruck: da stimmt doch etwas nicht, irgendwie kennen wir die Geschichte doch anders: Fünf Brote und zwei Fische. Ein kleiner Junge, der sein Essen dabeihat. 5000 Männer. Und am Ende zwölf Körbe.

Während unserer Seniorenfreizeit haben wir eine Bibelarbeit zu dieser Erzählung gemacht. Horst Müller hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass es diese Geschichte bei jedem Evangelisten gibt: bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Und jeder erzählt sie etwas anders. Es lohnt sich, so wie es in der Geschichte ja auch ist: genau hinzuschauen: was haben wir hier vor uns.

Heute also Markus: 

Sieben Brote. Ein paar Fische. 4000 Menschen. Und sieben Körbe. Und die Menschen waren schon drei Tage bei Jesus. 

Mir gefällt das im Zusammenhang mit unserem Erntedankgottesdienst sehr gut. 

Denn Erntedank bedeutet ja auch: Wir schauen noch einmal genau hin. Was haben wir eigentlich? Was steht uns zur Verfügung? 

Das Brot liegt auf dem Tisch. Das Wasser kommt aus dem Hahn. Der Strom funktioniert.
Der Kühlschrank ist voll. Und wir denken kaum darüber nach.

Bis etwas davon plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist. So wie heute bei Markus, der erzählt, dass das Brot knapp wurde. 

Eine Weile geht es ohne Strom. Eine Weile kommt man mit weniger aus. Eine Weile funktioniert vieles. Wir stellen uns drauf ein. 

Aber irgendwann kommt der Punkt, wo fast jeder sagt: „Jetzt wird es schwierig“. Der eine sagt es früher, der andere später. Je nach Kraft und Situation. 

An so einem Punkt, wo es schwierig wird, da erzählt Markus seine Geschichte

Markus erzählt: Die Menschen sind schon drei Tage bei Jesus. Drei Tage haben sie ihm zugehört. Drei Tage sind sie zusammen. Drei Tage haben sie ausgehalten.

Vielleicht hatten sie für diese Zeit vorgesorgt. Vielleicht hatten manche noch etwas Wegzehrung dabei. Jetzt aber haben sie nichts mehr, sagt Markus.

Ja, irgendwann ist etwas aufgebraucht.

Und Jesus sieht das. Er sagt: „Ich habe Mitleid mit diesen Menschen.“

Dieser Satz gefällt mir und berührt mich.  Jesus schaut genau hin. Jesus sieht ihre Müdigkeit. Er sieht ihren Hunger. Und er denkt an den Weg, der noch vor ihnen liegt. „Wenn ich sie jetzt hungrig nach Hause schicke“, sagt Jesus, „dann werden manche unterwegs zusammenbrechen“.

Ein Weg kann weit sein und auch zu weit. Manchmal ist ein Weg körperlich weit. Manchmal ist er innerlich weit. Manchmal wissen wir gar nicht, wie wir den nächsten Abschnitt unseres Lebens schaffen sollen. Und vielleicht kennen wir alle solche Zeiten: Am Anfang geht es noch. Wir haben Kraft. Wir haben Ideen. Wir haben Vorräte. Wir sind nicht allein, sondern zusammen mit anderen Menschen. Wir sind überzeugt: alles wird gut. Wir schaffen das.

Aber irgendwann kommen Zweifel. Wir merken: Jetzt geht es nicht mehr einfach so weiter.

Das Brot wird knapp. Die Kraft wird knapp. Die Geduld wird knapp. Vielleicht auch die Hoffnung. 

An dieser Stelle handelt Jesus. Er nimmt das, was da ist, dankt, segnet es und teilt es aus. 

Die Jünger brauchen länger. Sie sehen nur ein großes Problem.

Sie sehen 4000 Menschen, die nichts oder zumindest zu wenig haben. Und sie stellen fest: Wir sind in einer unbewohnten Gegend.

Ihre Frage und ihre Sorge sind mehr als berechtigt und verständlich: „Woher soll man hier Brot bekommen, um sie alle satt zu machen?“  Das ist eine sehr vernünftige Frage.

Wenn wir vor einer großen Aufgabe stehen, handeln und denken wir vielleicht ähnlich. rechnen. Wie viel brauchen wir? Wie viel haben wir? Wie groß ist das Problem? Was wird das kosten? Und manchmal rechnen wir so lange, bis wir nur noch sehen, was uns fehlt. Je mehr wir rechnen, desto größer scheint das Problem und der Verstand sagt: Das können wir nicht schaffen. 

In solchen Momenten wird das, was uns fehlt so groß und mächtig. 

Die Jünger sehen 4000 Menschen. Und sie sehen sieben Brote. Das kann doch niemals reichen.

Jesus stellt eine überraschende Frage. Er fragt nicht: „Wie viele Brote fehlen euch?“

Er fragt: „Wie viele Brote habt ihr?“

Das ist für mich einer der entscheidenden Momente in dieser Geschichte.

Was habt ihr? 

Das ist eine Frage, die zum Erntedankfest passt:  Was haben wir? Wir können sofort anfangen aufzuzählen: Unser Essen. Unsere Häuser. Unsere Familien. Unsere Freunde. Unsere Gemeinde. Unsere Gesundheit – soweit sie uns geschenkt ist.

Unsere Erfahrungen. Menschen, die uns begleitet haben. Menschen, denen wir etwas weitergeben können. 

Sobald wir aufzählen, was wir haben, wird uns bewusst: Es ist gar nicht so wenig. Jede und jeder kann etwas aufzählen. Keiner, der sagt: Ich habe nichts.

Es ist nicht unbedingt, das, was wir uns gewünscht haben oder wünschen. Die Jünger haben sich in der Situation sicher auch eher siebenhundert Brote gewünscht. 

Sie haben nicht das, von dem man mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, das es genug sein wird. 

Markus beginnt mit sieben Brote. Kein voller Vorratskeller oder Vorratsspeicher.

Kein Überfluss. Sondern mit dem, was gerade da ist.

Und dann geschieht ein Wunder. Jesus nimmt diese sieben Brote. Er dankt Gott. Er bricht sie. Und er gibt sie den Jüngern. Und die Jünger teilen sie aus. Und plötzlich geschieht etwas, das niemand vorher ausrechnen konnte. Die Menschen essen. Und sie werden satt. Und am Ende werden die übrig gebliebenen Stücke eingesammelt. Sieben Körbe. Ausgerechnet sieben.

Sieben ist eine Zahl, die in der Bibel häufiger vorkommt und oft mit Fülle und Vollständigkeit verbunden wird. Wir hören „sieben Brote“ und denken: Das ist zu wenig. Doch wie Markus erzählt, schwingt schon in dieser Zahl etwas von Fülle mit. Ein Wunder geschieht: Ihr begreift, dass das Wenige, was wir haben, weiter reicht, als wir erwartet haben.

Ich glaube nicht, dass Markus uns sagen will: „Wenn ihr nur fest genug glaubt, dann werden alle Probleme verschwinden.“ Das wäre zu einfach. Wir wissen, dass es Hunger gibt. Wir wissen, dass Menschen leiden. Wir erleben, dass Krankheiten nicht einfach verschwinden, nur weil wir glauben.

Markus erzählt von einem anderen Wunder. Von dem Wunder, dass das Wenige genug ist.

Die Jünger sehen sieben Brote. Und sie erleben, dass Gott daraus mehr entstehen lässt, als sie erwartet haben.

Wir haben als Christen keinen Masterplan, wie wir die Welt retten. Wir wissen nicht, wie wir unseren Weg schaffen. Doch wir haben Geschichten in unserer Bibel und in unseren Herzen, die wir teilen können. Geschichten, die Menschen Hoffnung geben und ihnen Kraft für den Weg geben, der vor ihnen liegt.

Und deshalb gefällt mir diese Geschichte besonders gut für unseren Erntedankgottesdienst. Er passt zu der Ausstellung, die uns den Kreislauf der Vergänglichkeit vor Augen führt. Erntedank ist ein Fest, wo mir bewusst wird, wieweit das Wenige reicht. Ich lerne darüber zu staunen und es zu teilen.

Viele von euch kennen die Organisation: „Brot für die Welt!“ Diese Organisation wurde am 12.Dezember 1959 aus Mitgefühl gegründet. Es war eine extreme Hungersnot in Indien. Und einige Christen hatten großes Mitgefühl. Sie ahnten, dass der Weg für die Menschen dort weit, zu weit ist. Einige evangelische Kirchen taten sich zusammen und spendeten. Es war an eine einmalige Aktion gedacht.

Doch es war nicht einmalig: Ein Wunder: Das Geld und das Mitgefühl haben sich vermehrt und Brot für die Welt hat in den 67 Jahren so viel Leid gelindert. 
Jeder hätte verstanden und jeder versteht, wenn Menschen sagen: Wir können die Hungersnot in Indien nicht bewältigen.

Aber Markus erzählt eine andere Bewegung: sehen, mitfühlen, danken und teilen.

Vielleicht bedeutet Glauben nicht, dass wir immer wissen, wie alles gut werden wird.

Vielleicht bedeutet Glaube manchmal nur, dass wir das, was wir haben, nicht geringachten. Dass wir danken. Dass wir teilen. Dass wir den nächsten Schritt gehen, auch wenn wir den ganzen Weg noch nicht sehen.

Ein Weg kann weit sein. Markus erzählt, dass Jesus niemand auf einen Weg schickt, wo er unterwegs zusammenbricht. Jesus teilt was da ist, schenkt neue Kraft und Hoffnung wächst.

Amen.