Predigten - 2026

Jeremia 29,1-4-7.10-11



21. Sonntag nach Trinitatis

Pastorin Kornelia Schauf


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

Unser heutiger Predigttext ist ein ermutigender Brief adressiert an Menschen in der Fremde. Der Prophet Jeremia schreibt vor etwa 2500 Jahren an verschleppte Juden. Sie hatten den Krieg gegen die Babylonier verloren. 

Es waren nicht wenige Verschleppte: es war fast das ganze Volk: Priester und Gelehrte. Die Regierenden, Handwerker und einfache Menschen. 

Das Exil ist eine der prägendsten Zeiten, die den Hintergrund für etliche biblische Texte bilden. Die Katastrophe, die manche Propheten vorhergesehen hatten, war eingetreten. Das Königreich Israel gab es nicht mehr. 

Wir müssen uns das Ausmaß von Verwüstung und Zerstörung vorstellen, um auch theologisch zu begreifen, was geschieht.

Nichts war mehr so, wie es die Menschen kannten.  Kein Königreich. Kein Tempel. Kein Jerusalem. Keine Heimat.

„Sie saßen an den Flüssen Babylons und weinten!“ , ist eine der kurzen Beschreibungen. 

Menschen in der Fremde nach einem Krieg – nachdem ihre Identität als Volk ausgelöscht war. Heimatlos und vor der großen Frage: sind wir nun auch unseren Gott los?

Menschen in der Fremde. Kriegsverlierer. Keine Abenteurer oder Menschen, die freiwillig auswandern und neu anfangen.

Sondern verschleppt: Heimatvertriebene.

Was geht in solchen Menschen nicht nur individuell, sondern als Gemeinschaft vor sich. Israels Glaube war an einen Ort gebunden. Die Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens in die Eigenständigkeit eines eigenen Königreiches.

Das war Israels erste Geschichte mit ihrem Gott. Ein Gott, der ihnen Land gibt. Ein Gott, der ihnen Heimat schenkt. Ein Gott, der ihnen zeigt, wo sie hingehören und wo sie zu Hause sind.

Dieser Glaube trägt nun nicht mehr. 

Liebe Gemeinde,

wo knüpfen wir heute an, wenn wir diesen Abschnitt aus einem Brief lesen, den Jeremia an seine Landsleute in der Fremde schreibt.

Es ist die Frage: Für mich ist es die Frage: 

Wo gehören wir hin? Wir Menschen in der Fremde. Das kann Menschen betreffen, die aus verschiedenen Gründen, in einem fremden Land sind. Nicht unbedingt verschleppt, aber eben doch nicht dort, wo sie geboren sind oder wo ihre Familie herkommt. 


Wo gehören wir hin? Das ist eine Frage, die aber noch tiefer gehen kann. Es ist eine Lebensfrage. 

Diese Frage gehört zum Menschsein hinzu. Wo gehöre ich hin? Denn viele Menschen kennen diese Frage aus ihrem Leben – und es ist eine Frage, die im Zusammenhang mit Jubiläen gestellt wird.

Jugendliche fragen sich das? Wo ist unser Platz im Leben? Und dann fragen sich das junge Erwachsene, nach oder in der Ausbildung: Was wird aus mir?

Es gibt solche Entscheidungen auch mitten im Leben, wenn es berufliche Veränderungen gibt, oder wenn es da, wo man gerade ist, nicht so gut läuft.
Wo gehöre ich hin? Wo ist mein Platz im Leben?

Ihr werdet genug persönliche Situationen vor Augen haben.

Und es ist eine grundsätzliche geistliche Frage: Wo gehöre ich hin? Wo bin ich zu Hause: Im Himmel oder auf der Erde? Wer sind wir Menschen?

Auf diese Frage antwortet Jeremia in seinem seelsorgerlichen, ermutigenden Brief. Er gibt eine mehrfache Antwort. Das verwundert nicht. Denn auf so eine tiefe und wesentliche Frage, kann es nicht nur eine Antwort geben.

Einerseits schreibt Jeremia: ihr gehört da hin, wo ihr jetzt seid. Damit drückt er vor allem aus: es ist nicht falsch, dass ihr dort seid. Es hat einen Grund, warum ihr dort seid. Einen historischen, faktischen Grund und einen geistlichen Grund. Jeremia nimmt mit dieser Antwort die Angst: Ich bin am falschen Ort. So falsch sich auch etwas anfühlen mag: Jeder Ort ist ein Ort, an dem wir als glaubende Menschen zu Hause sein können. Er versichert ihnen: auch die Fremde ist Gottes Ort. Auch in der Fremde wirkt Gottes Geist. Ihr seid keine Gott verlassenen Menschen. 

Mit anderen Worten, da wo Gott ist, da könnt ihr leben. Und Gott ist überall – Gott ist an keinen Ort gebunden. Das war für Israel eine neue, eine unglaublich befreiende Antwort.

Konsequenterweise ermutigt Jeremia die Menschen, es sich dort, wo sie sind so heimatlich wie möglich zu machen. Richtet euch dort ein, sagt er: und dann zählt er auf, was dazu gehört: Häuser bauen. Heiraten und Familien gründen. Früchte und Gemüse anpflanzen und ernten.

Richtet euch ein in der Fremde. Das tröstet die Verschleppten. Es gibt Geborgenheit in der Fremde. Man kann sich einrichten in einem Leben, das man selbst nicht gewählt hat. Da, wo man nicht sein möchte, da ist es möglich, dennoch gutes Leben zu erfahren.

Akzeptiert, was eigentlich nicht zu akzeptieren ist. Nehmt an, was ihr im Moment nicht ändern könnt.
Jetzt ist die Zeit zu leben, auch zum guten Leben. 

Jetzt ist die Zeit – verschwendet sie nicht – sondern macht etwas daraus.


Das allein ist schon eine wichtige Mitteilung. Denn wie viele Menschen warten mit ihrem Leben darauf, dass etwas besser wird. „Wenn ich erst mal aus der Schule bin, dann beginnt mein Leben“. „Wenn ich mein Studium geschafft habe, beginnt das Leben!“
„Wenn ich einen Partner oder eine Partnerin finde, dann beginnt das Leben!“
„Wenn ich wieder gesund bin, dann beginnt mein Leben“

„Wenn ich die finanziellen Sorgen überwunden habe, dann beginnt mein Leben!

Vielleicht kennt auch ihr Jubilare solche Zeiten im Leben. Das sind gefährliche Zeiten, sagt Jeremia. Auf diese Weise verpassen wir unser Leben. Das Leben fängt nicht irgendwann an, sondern findet jetzt statt: jeden Tag.
Das ist unser Leben.

Doch Jeremia fällt sich in das eigene Wort. Das ist nicht das einzige, was er den Verschleppten schreibt.
Er sagt auch: Bewahrt die Sehnsucht. Haltet eure Hoffnung wach.

Richtet euch nicht so fest ein, als würdet ihr nie wieder aufbrechen.

Ihr werdet zurück kehren. Eines Tages. Ja, die Sehnsucht nach einer Heimat, die anders ist als das zu Hause in der Fremde, nimmt er ihnen nicht.

Der Hebräerbrief nimmt diesen Gedanken auf mit dem bekannten Vers: Wir haben hier keine bleibende Stadt.


Es ist für mich nachvollziehbar, dass die Sehnsucht nach einer ewigen Heimat, die unzerstörbar ist, zu einem der tröstenden Vorstellung vom Leben nach dem Tod geworden ist.
Das ist ein Bild für das Leben: der Mensch ist hier auf der Erde, ein Leben lang in der Fremde und kommt eines Tages, nach diesem Leben wieder zu Hause an.
Das Leben im Exil – als Beschreibung einer menschlichen Grunderfahrung.

Beides zusammen macht für mich großen Sinn: Sich einzurichten in der Fremde, in diesem Leben, verschleppt aus dem Paradies und die Sehnsucht wach halten auf die Heimat.
Sich nicht so einrichten, dass das Weggehen unmöglich ist.

Über diesen beiden Polen und Gegensätzen des Lebens: der Fremde und der Heimat steht wie ein Bogen am Himmel der wunderschöne Satz, den Jeremia Gott in den Mund legt:
„11Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. 

12Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 

13Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 

14so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.

Der Bund Gottes mit uns Menschen ist der Schlüssel für ein heilsames und heilvolles Leben in der Fremde – in der es einem gut geht und doch die Sehnsucht nach der Heimat wach bleibt.


Suchet der Stadt Bestes: Gebt alles, damit das Leben in dieser Welt für euch und für eure Mitmenschen, auch für eure Umwelt gut wird: das beste.

Und lebt doch so, dass ihr auf der Suche bleibt: nach Gott, nach etwas, das über all das hinausgeht, was euch jetzt beschäftigt.

In dieser Ambivalenz, in dieser Lebensspannung findet unser Leben statt. In dieser Spannung hat Gott seinen Platz: in dem jetzt und in dem was kommt.

Gott ist bei euch in alledem mit Gedanken des Friedens.


Wer sich daran orientiert, wird Frieden finden im Unfrieden – wird sich zu Hause fühlen in der Fremde und wird doch weiter Gott suchen. Immer wenn Gott sich dann finden lässt, dann erkennen Menschen: Gott ist ganz anders, als wir bisher dachten.


Auch das  haben die Juden im Exil gelernt: Unser Gott ist lebendig. Gott lässt sich nicht auf unsere Bilder und Erkenntnisse reduzieren. Gott zeigt sich neu in unterschiedlichen Situationen.
Mit anderen Worten: Unser Glaube wächst.
Auch das ist ein wichtiger Gedanke zu Jubelkonfirmation: Euer Glaube ist hoffentlich gewachsen – ihr denkt und betet hoffentlich nicht mehr so wie zur Konfirmandenzeit. Ihr seid gewachsen im Leben und im Glauben.

Und das ist gut so.

Heute vergewissern wir uns, ermutigt durch den Brief von Jeremia: Wo immer wir auch gerade sind: Gottes Geist wirkt.

Also lebt euer Leben so gut es geht – überwindet so das Böse mit Guten – und lebt aus der Hoffnung, auf das, was da noch kommt.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.