(Predigt 2 Kor 5,19-21) [ Link zum Video ]
Thema der Predigt: Ein Tag lässt bitten
Karfreitag – als Kind und Jugendliche beunruhigte mich dieser Tag. Karfreitag –ein stiller Tag, ein düsterer Tag und ich erinnere mich: Karfreitag war meist schlechtes Wetter in Deutschland.
Und im Fernsehen liefen Jesusfilme mit der erschreckenden Darstellung, wie Jesus gekreuzigt wird. Ich bin da oft aus dem Zimmer raus, weil ich es mir nicht mit angucken konnte, wenn die Nägel in die Hände und Füße geschlagen wurden.
Und auch sonst an diesem Tag war wenig Leben spürbar. Alles schweigt, keine Musik, auch nicht in der Kirche.
In meiner Erinnerung an vergangene Karfreitage ist es, als ob das Leben stillsteht. Dröhnende Stille, die etwas von mir zu fordern scheint. Wie unheimlich! Grund dieser enormen Stille: Jesus stirbt am Kreuz. Es wird dunkel, die Erde bebt, so berichtet die Bibel, es wird gefährlich. Nun hält das Leben den Atem an. Und ich frage mich, wie es wohl gewesen sein muss, unterm Kreuz zu stehen.
Unterm Kreuz, was für eine bedrückende Vorstellung! So stirbt der Menschensohn, so stirbt Gott: am Kreuz. Bei uns gibt es so etwas nicht. Nicht heute und nicht früher. Es sterben und starben die Leute durch Unfälle auf den Straßen, bei der Arbeit. Weil sie krank sind. Weil jemand umgebracht wird. Früher sind viele im Krieg gefallen. Aber ans Kreuz genagelt? Für mich völlig unvorstellbar. Die Todesstrafe an sich für mich – unmöglich.
Das Kreuz fordert uns heraus, vielleicht nicht so sehr das Jahr über, aber heute, am Karfreitag, wenn man es einfach nicht übersehen kann. Das macht es so unheimlich. Und immer wieder fragen Leute, alte wie junge: Kann das nicht weg, das Kreuz? Die Krippe wäre doch viel freundlicher. Sie feiert das Leben. Dann wäre Kirche sympathischer.
Glaube, Hoffnung und Liebe – das ist wirklich nicht auf dem ersten Blick im Kreuz erkennbar.
Ja, Karfreitag ist nicht sympathisch. Aber: Kann das Kreuz weg? Diese Frage verbindet uns mit den ersten Christen.
Nun ist das Kreuz Jesu nicht das einzige Kreuz, das jemals in den Himmel ragte. So bringen die Römer alle diejenigen um, die sich der römischen Ordnung widersetzen, vor allem Nichtrömer.
Die ersten Christen würden sich gefreut haben, wenn das Kreuz, die vielen Kreuze wegkämen. Denn zu viele Menschen werden zu ihren Lebzeiten auf solche Weise zu ihrer Schande getötet, immer wieder, häufig genug in Massen. In ihre Grabstellen und Gottesdienstorte malen unsere ersten Glaubensgeschwister sich etwas anderes, keine Krippe, aber einen Fisch. Oder die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, für Anfang und Ende. Aber kein Kreuz.
Zu sehr ist das Kreuz realer Alltag. Die römische Todesstrafe ist realer Alltag. So sieht auch der Apostel Paulus viele dieser Kreuze, die in den Himmel ragen. Und er kennt, wie wir heute, die Auseinandersetzung um den gekreuzigten Gott, den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit. Vielleicht ist Paulus aber auch einer der Ersten, weltweit bis heute, die sagen: Sieh das Kreuz mal anders. Nämlich so:
Lesung des Textes: 2. Korinther 5,19-21
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.
Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Liebe Gemeinde, es ist seltsam – da fehlt das Wort „Kreuz“. Sonst ist Paulus damit schnell zur Hand; hier kann er das mit dem Kreuz anders sehen, ohne das Wort zu benutzen. Er erinnert an das, was in Jerusalem geschah. Er selbst war ebenso wenig dabei wie wir, er kann erinnern, ohne die schrecklichen Details des Todes Jesu zu erwähnen. Das Kreuz ist hier kein Schandmal, Paulus sieht im Kreuz einen Sinn.. Das Wort „Kreuz“ kann offenbar weg, aber der Sinn muss bleiben: Versöhnung sagt Paulus stattdessen. Dieses Wort ist aufgerichtet unter uns, es heißt: Lass dich versöhnen mit Gott.
Versöhnung, ein kleines Wort, aufgerichtet unter uns, ein kleiner Satz, der ganz leicht klingt und, ja, auch sympathisch: Lass dich versöhnen mit Gott. Ich frage mich, ob dieses Versöhnungswort überhaupt stark genug ist. Wird es die Kraft haben, zu siegen in meiner Welt? Das Wort von der Versöhnung muss ja antreten gegen andere mächtige Worte, die hier unter uns aufgerichtet sind und die Macht anziehen.
Egoismus: was gehen mich die anderen Menschen an? Ich habe eine Mauer um mein Haus. Mir kann der Virus nicht schaden.
Ellbogentaktik: wenn Du was werden willst, dann nimm keine Rücksicht auf andere.
Leistung: schon Kinder werden darauf getrimmt: Musikunterricht, Sport, Olympia und natürlich sollen sie auch super Noten mit nach Hause bringen. Und im Beruf bringt es der am weitesten, der Überstunden macht und Gewinne für die Firma erbringt.
Aufgerichtet unter uns ist oftmals die Gleichgültigkeit, die Dumpfheit im Internet, im Miteinander, im Leben. Wir erfahren vielerorts, dass Menschenwürde und Menschlichkeit kraftlos geworden sind.
Aufgerichtet unter uns ist das Wort der Angst, gerade im Moment wohl so stark wie selten zuvor. Angst vor dem Virus, Angst vor der Zukunft, Angst vor Krankheit und Tod. Aufgerichtet unter uns ist zu oft die Hoffnungslosigkeit.
Aufgerichtet unter uns ist die Sinnlosigkeit, der alles ins Nichts hineinziehende tödliche Bann: Nur noch Geld und Gier bedeuten etwas. Alles muss weg, was nicht Gewinne bringt und jemandem nützt.
Aufgerichtet unter uns ist eine ewige Leerstelle, die der verborgene Gott hinterlässt. Gott lässt sich nicht in die Karten schauen. Gott stirbt sogar. Und wo er in uns drin tot ist, da bleibt eine leere Stelle, die sich nicht füllen will.
Aufgerichtet unter uns ist der Schmerz, die offene Wunde, die das Leben selbst schlägt.
Sprachlos machendes Unglück ist unter uns aufgerichtet, alles, was bei uns eingeschlossen bleibt in Scham, Trauma durch Gewalterfahrung und Leid.
Mächtige Worte, unversöhnte Worte sind unter uns aufgerichtet. Unversöhnt sind Menschen untereinander und mit Gott. Das ist mindestens so unheimlich wie dieser Tag selbst.
Denn ich bin mir nicht sicher, ob alle Menschen diese Worte überhaupt als mächtig und bedrohlich wahrnehmen. Oder ob sie nicht denken: „Was redest du? Das ist doch alles normal, wie sollte es anders sein? So ist das Leben, so ist die Welt. Weiter im Text!“
Nein, nicht weiter! Vielleicht braucht es einen Tag im Jahr, an dem wir eben nicht weitermachen im Text, in diesem Text, der das mächtig Unversöhnte aufgerichtet stehen lässt, nicht weiter im Text, der die Mächte im Leben für normal erklärt. Die Bibel sagt stattdessen: Lass dich versöhnen - mit Gott.
Also, noch einmal, ist das Wort von der Versöhnung stark genug? Dieses Wort ist eine Bitte an uns. Kein Befehl. Diese Bitte, wie übrigens jede Bitte, ist respektvoll, sie lässt dich gelten, da, wo du im Leben stehst. Die Bitte rechnet mit deinem Verständnis, will dich überzeugen, sie sucht dich da zu finden, wo du selbst bist: in der Tiefe. Lass dich versöhnen.
Aber Gott macht nicht nur den ersten Schritt dazu, sondern er macht alle Schritte. Gott will nicht nur geboren werden in einer Krippe, Mensch werden und sich dann schnell zurückziehen aus der Welt.
Gott geht den ganzen Weg, er macht sich erreichbar, er wirbt um dich, er lockt dich hervor, aus deinem tiefsten Inneren herauszukommen.
Dazu ist er selbst in die Tiefe gegangen, sagt Paulus, Gott war in Christus, der da am Kreuz hängt. Das Wort von der Versöhnung ist eine Bitte. Der ganze Karfreitag bittet dich: Lass dich versöhnen. Dieser Tag, dieser bedrohliche Tag, ich will ihn hören als stummes Geschrei Gottes. So sagt es die Theologin Dorothee Sölle.
Wenn ich mich jetzt erinnere an mich als Jugendliche, ich müsste meine Verbindung zum Karfreitag einmal überdenken. Karfreitag beunruhigt mich, der Tag rückt mir auf die Pelle.
Er wünscht, dass ich einmal genau in mich hineinsehe, da wo ich sonst nicht so gern hinsehe. Weil es dunkel ist und leer. So dunkel und leer wie der Karfreitag selbst ist. Darum schweigt alles an Karfreitag.
Gottes stummes Geschrei fleht mich an. So kommt Gott zu mir. Und in der Stille erklingt Gottes Bitte: Lass dich versöhnen, mit deiner Dunkelheit, deiner Leere. Lass dich versöhnen ganz unten in der Tiefe, da, wo dein eigenes Leben den Atem anhält, weil es nicht weiterkann. Da richte ich meinen Frieden, meine Versöhnung auf, so bietet Gott es an.
Ich frage mich, wie es wohl wäre, unterm Kreuz zu stehen, an dem die Versöhnung blüht.
