2022-05-26 - Himmelfahrt - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Daniel 7,1-14 ) - [ Akündigungen481.78 KB ]


Was wünschen wir uns vom Leben, was erträumen wir uns? Einige würden sicher sagen: Gesundheit, finanzielle Sicherheit und Glück in der Familie, Freunde, auf die man sich verlassen kann. Dabei denkt man sicher erst einmal an sich selbst und die einem im Leben am nächsten stehen. Aber vielleicht träumen wir auch weiter, über unsere kleine Welt hinaus...

Am Himmelfahrttag geht unser Blick nach oben, in den Raum, den wir Himmel nennen. Aufgefahren in den Himmel ist Jesus Christus, so haben wir es eben bekannt. Was heißt das für unsere Zukunft und für die der ganzen Welt? Welcher Traum leuchtet da auf? Wir hören, was der Prophet Daniel geträumt hat:

Lesen des Textes

Liebe Gemeinde, es ist ein Albtraum, den Daniel zunächst erlebt.

Vier Tiere steigen herauf aus dem Meer, das aufgewühlt ist von vier Winden. Dieses aufgewühlte Meer erinnert an den Anfang, als nichts war außer Chaos und Tohuwabohu. Gott hatte noch nichts Gutes geschaffen, die Welt ist sich selbst überlassen. Ein Tier ist schrecklicher als das andere, das erste bekommt noch menschliche Züge, das vierte hingegen kennt nur noch Zerstörung und Gewalt.

Um diesen Albtraum richtig zu verstehen, lasst mich die Situation des Volkes Israel kurz erklären. Immer wieder im Laufe seiner Geschichte wurde dieses kleine Land überrollt von den mächtigen Völkern ringsum. Die Assyrer und Babylonier, die Meder und Perser, die alle Not und Elend brachten für das Land. einer der schlimmsten Herrscher Für Daniel war aber wohl ein König namens Antiochus IV Epiphanes, ein König der Seleukiden, die auf das Reich Alexanders des Großen folgten. Er ließ den Jerusalemer Tempel plündern und soll das Allerheiligste betreten haben – dieser findet in Daniels Traum die Gestalt des schrecklichen vierten Tieres aus dem Meer. Welche Herrscher genau mit den anderen Tieren gemeint ist, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten, aber eines haben alle gemeinsam: Diese menschlichen Herrscher regieren mit Gewalt und Brutalität. Diese Herrschaften sind ein Albtraum. Aber Ihre Macht hat ein Ende, denn es wird Gericht gehalten:

Einer, der uralt war, der also seit Urzeiten war und ist, nimmt auf dem Thron Platz, an seiner Seite Abertausende himmlische Wesen. Sie schauen in die Bücher, denn alles ist aufgeschrieben, nichts bleibt vor Gott verborgen. Denn dieser ist es, der da Gericht hält. Der Albtraum hat ein Ende.

Auch heute leiden Millionen von Menschen unter gewalttätigen und brutalen Tyrannen. Bis heute werden Länder ausgebeutet, sind Spielball der mächtigen Nachbarstaaten. Die Erkenntnis aus dem Traum des Daniel, dass es keine Entwicklung hin zum Guten gibt, ist erschütternd, aber leider auch sichtbar, schmerzhaft sichtbar und spürbar. Der Krieg in der Ukraine ist nur ein Beispiel unter anderen.

Neben den Mächtigen der Welt sind es aber auch einzelne Menschen, die uns nicht guttun, die zu viel Macht über uns haben, die uns ausnützen und die Kraft rauben.

Ja, liebe Gemeinde, mit den Albträumen dieser Welt kennen wir uns aus. Auch Gott kennt sich aus damit. Er weiß um die zerstörerische Macht, die aus dem Urmeer kommt, nicht von ihm erschaffen, von ihm auch nicht verhindert, aber gerichtet am Ende der Zeiten. Denn jeder Albtraum ist endlich. Vor diesem Hintergrund sind die Träume, die wir haben, durchaus verständlich:

Ein Leben ohne Krankheit, Not und Einsamkeit.

Der Traum des Daniel geht weiter. Nach dem Albtraum der vier Tiere und dem Gericht über sie kommt noch einer. Diesmal nicht aus dem aufgewühlten Meer, also nicht von unten, sondern er kommt mit und aus den Wolken des Himmels. Wie eines Menschen Sohn ist er und bekommt von dem, der uralt ist, alle Macht und Ehre. Die Völker werden ihm dienen und sein Reich, seine Macht haben kein Ende.

Was ist das für ein Traum: Dieses Reich am Ende der Zeit wird ein menschliches sein, ein Reich der Menschlichkeit, ohne Unterdrückung und Gewalt! Die irdischen Reiche und Mächte sind endlich, dieses Reich der Menschlichkeit hat kein Ende. Was für ein Hoffnungsbild!

Und etwa 150 Jahre nach dem Traum des Daniel beginnt so eine Hoffnungsgeschichte:
Im Stall von Bethlehem kommt der zur Welt, der sich selbst später als Menschensohn bezeichnen wird. Heute feiern wir seine Himmelfahrt.

Erst mit Jesu Himmelfahrt geht dieser Traum der Menschlichkeit weiter! Das Leben Jesu auf der Erde war wunderbar, aber begrenzt in Zeit und Raum. Es wäre Anekdote geblieben, wenn Jesus auf der begrenzten Erde geblieben wäre. Seine Himmelfahrt ist nicht das märchenhafte Ende eines denkwürdigen Lebens, sondern der notwendige Anfang der Ewigkeit. Einer Ewigkeit, deren Herrschaft wahrhaft menschliche Züge tragt, die Züge des Menschensohnes, das Antlitz von Jesus Christus, Freund, Bruder, Arzt, Liebhaber des Lebens.

Wir sollten heute nicht fragen, wo genau der Ort ist, an dem Jesus ist, sondern in welchem Machtbereich er ist.

Dabei kann uns der Traum des Daniel helfen. Das haben bereits die frühen Christen erkannt und den, der da von den Wolken kommt, mit Christus gleichgesetzt. Jesus ist im Himmel, weil das Gottes Raum ist, und dieser hat einen Traum für seine Schöpfung, nämlich einen neuen Himmel und eine neue Erde ohne Leid und Schmerz.

Für den Propheten Daniel war klar, dass die neue Schöpfung erst kommen kann, wenn diese alte Welt ihr Ende gefunden hat. Für ihn war klar, da gibt es einen ganz großen Bruch, erst dann beginnt die Herrschaft des Menschensohnes. Davon sollen die Menschen träumen, er will ihnen Hoffnung schenken auf ein gutes Reich, das niemals enden wird.

Jesus aber hofft anders. „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, predigt er (Matthäus 4,17). Mit dieser Hoffnung schickt er seine Jünger zu den Menschen (Matthäus 10,7). Bei unserer Taufe wurde es verkündet mit denWorten Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Matthäus 28,18). Nicht wir Menschen haben die Macht, dass das Reich der Menschlichkeit Gestalt annimmt in dieser Welt. Nicht wir haben diese Macht – er alleine, der Menschen Sohn. Aber er nimmt uns in den Dienst, er will nicht warten, sein Reich der Menschlichkeit kann nicht warten bis zum Ende der Welt.

Vielleicht, weil Jesus um unsere Albträume weiß. Das Himmelreich beginnt jetzt und hier. Mit uns und für uns, aber nicht durch uns. Wir feiern heute seine Himmelfahrt, nicht, weil er uns verlassen hat – das wäre ja kein Grund zu feiern – sondern weil heute der Traum von einer Zukunft für alle hoffnungsvoll weitergeträumt werden kann. Die Basis dafür wird im Himmel gelegt. Amen

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