2023-02-05 - Septuagesimä - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Matthäus 9,9-13 ) - [ English ]


„Sagt euch der Name „Checkpoint Charlie“ etwas?

Checkpoint Charlie führt zurück in die Zeit des Kalten Krieges. 

Als sich der Westen und der Osten einsatzbereit gegenüberstanden und gegenseitig belauerten.

Berlin war zu der Zeit geteilt in Ost und Westberlin und dort war die Mauer allgegenwärtig. Es gab für Menschen nur wenige Möglichkeiten, von der einen Zone in die andere zu wechseln. Ein ganz wichtiger Übergang war der Kontrollpunkt Checkpoint Charlie. 

Militärisch besetzte Kontrollpunkte sind besondere Orte: an ihnen werden Trennungen und Konflikte deutlich. Am Checkpoint Charlie standen sich der Westen und der Osten gegenüber. Checkpoint Charlie war ein Symbol des Kalten Krieges.

Kontrollpunkte haben aber noch eine andere Eigenschaft. Alles ist reduziert auf „wir“ und „ihr“. Beim Checkpoint Charlie: entweder gehörtest du zum Westen oder zum Osten, ein Drittes gab es nicht. 

Grenzpunkte stellen immer die Frage: Wohin gehörst du? Zu uns oder zu denen? Grenzpunkte spitzen Konflikte auf ein Merkmal oder ein Kennzeichen zu. Entweder man hat es oder man hat es nicht. Dann wird man durchgelassen oder zurückgewiesen.

Auch in Israel zur Zeit Jesu gab es Kontrollpunkte. Das Neue Testament nennt sie Zollstellen. Sie wurden von der römischen Besatzungsmacht eingerichtet. An Brückenübergängen, an Straßenkreuzungen, an Ein- und Ausfahrten. Hier wurde kontrolliert und kassiert. Die Zollstellen wurden nur selten von den Römern selbst betrieben, sondern wurden gegen gutes Geld an Einheimische verpachtet. Natürlich wollten die Pächter, also die Zöllner, möglichst viel aus der Zollstelle herausholen. Die Gebühren stiegen deshalb schnell an und der Abscheu gegen diese „Halsabschneider“ wuchs schnell in der Bevölkerung.

Zöllner waren unbeliebt. Besonders in der Gruppe der Pharisäer. Pharisäer waren Gläubige, die ihren Glauben an Gott fest im Alltag verankern wollten. Sie unterschieden in rein und unrein und sie achteten streng auf die Einhaltung dieser Grenzen. Zöllner waren bei ihnen besonders unbeliebt. Sie arbeiteten mit der Besatzungsmacht zusammen. Sie hatten Kontakt mit Unreinem, d.h. sie hielten sich kaum an die Glaubensregeln der Pharisäer. Pharisäer und Zöllner – da krachte es oft an den Zollstellen.

Der Evangelist Matthäus erzählt uns an einer Stelle, wie Jesus in diesen Konflikt hineingerät und wie er damit umgeht. Hören wir, was Matthäus erzählt: 


Die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern

9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.

10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.

11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?

12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.

13 Geht aber hin und lernt, was das heißt: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.


Wichtig ist, wie Jesus mit dem Konflikt umgeht. Wird er Partei ergreifen? Den Glauben im Alltag zu leben und damit Gott gut zu dienen, ist ja auch sein Anliegen. Er kennt sich aus mit der Glaubenswelt der Pharisäer und steht ihnen an vielen Stellen auch sehr nahe. Er weiß, wie sie denken und argumentieren. Er kann vieles nachvollziehen, steht ihnen sicherlich deutlich näher als vielen anderen Gruppen im damaligen Israel.

Was also passiert hier in dieser kleinen Geschichte? Zuerst: Jesus spricht den Zöllner an. Nicht aggressiv oder provozierend, wie es vielleicht die Pharisäer getan haben, sondern freundlich, ja einladend. „Hast du Lust mit mir zu kommen? Ich lade dich zum Essen ein. Wir wollen ein bisschen zusammensitzen, eine Kleinigkeit essen und feiern!“ 

Matthäus spürt, dass Jesus es ehrlich mit ihm meint und lässt sich darauf ein. Ja, er erzählt es sogar in seinen Kreisen weiter. Und bringt noch eine ganze Reihe von Arbeitskollegen mit zu der kleinen Feier. Ganz nebenbei hat Jesus damit den Ort der Gespräche verschoben. Sie sitzen nicht mehr am Ort der Auseinandersetzung, an der Zollstelle, sondern irgendwo im Haus eines Freundes. In gastfreundlicher Umgebung. 

Natürlich sind nicht alle sofort Freunde. Denn Pharisäer sind auch dabei. Von hinten her beginnt das Gerede. Nicht direkt an Jesus adressiert, aber doch auf ihn zielend. Die Jünger, die sich schon länger zu Jesu Freundeskreis zählen, werden angesprochen: „Was macht Jesus denn da? Er isst mit Zöllnern, also mit Sündern!?“ 

Das Getuschel lässt sich nicht lange verbergen. Schon gar nicht vor Jesus. Er spricht zu ihnen so, wie er vorher mit Matthäus gesprochen hat. Freundlich, zugewandt, auch wertschätzend. Er versucht die Situation aus ihrer Sicht heraus zu sehen. „Ich bin da ganz bei euch. Manche Menschen müssen etwas in ihrem Leben ändern, um Gott zu gefallen, um seinem Willen zu entsprechen. Aber eben, weil sie das müssen und tun können, sind sie doch nicht auf ewig verdammt! Natürlich nicht, sie sind eher krank und sollten geheilt werden. Die Kranken brauchen den Arzt, nicht die Gesunden. Und Menschen zu heilen, das ist doch das, was ich machen will. Und ihr doch eigentlich auch.“

Pharisäern sind die Tora und die prophetischen Schriften heilig. Ihre Auslegung bestimmt ihren Alltag. Und so zitiert er einen Vers aus den heiligen Schriften: „Erinnert euch an den Propheten Hosea: ‚Barmherzigkeit will ich, sagt Gott, nicht Opfer.‘ Darum geht es mir. Ich will nicht Gerechte, die eigentlich schon auf dem Weg Gottes gehen, die im Wesentlichen gesund sind, zur Umkehr rufen. Die brauchen das nicht, sondern Sünder, Kranke, die mich doch viel mehr brauchen als andere. Und was kann es Heilenderes geben als eine vertraute, gemeinsame Mahlzeit? Kommt und esst. Gott ist doch bei uns allen!“

„Wir wissen nicht, wie die Pharisäer auf Jesu Worte reagiert haben. Die Pharisäer waren einige Jahre nach Jesu Tod die einflussreichste Gruppierung in Israel. Bis heute können wir in den Geschichten Leitlinien finden, die uns helfen, Jesus in unserer Zeit nachzufolgen, also Kirche zu gestalten. Was könnte das in der Geschichte vom Zöllner Matthäus sein? 

1. Lasst uns gastfreundliche Gemeinde sein. Gerade, mit denen, die uns sonst eher fremd sind. Vielleicht brauchen sie den Arzt, vielleicht aber sind es auch Starke für uns und haben uns Heilendes zu sagen.

2. Lasst uns Räume und Orte finden, wo jeder willkommen ist und wo Versöhnung stattfindet, wo wir uns verständigen. Wo es nicht nur schwarz und weiß, Freund oder Feind gibt. Viele Sichtweisen haben hier ihren Platz.

3. Aus christlicher Sicht gehört Jesu Anwesenheit unbedingt dazu. Seine Anwesenheit feiern wir immer wieder im Abendmahl. Von hier müssen wir ausgehen. Es ist unsere Aufgabe, die Versöhnung von hier her in die Welt zu bringen.

4. Wer im Sinne dieser Geschichte stark ist und wer krank, wer gerecht ist und wer Sünder, entscheidet allein Jesus. Das ist nicht unsere Aufgabe. 

Sicher ist nur: Barmherzigkeit, gastfreundliche Liebe, kommt vor allem anderen. Erst dann mag es auch andere wichtige Regeln geben. Diese sind nicht unwichtig, aber eben nicht an erster Stelle. Ganz oben steht die Barmherzigkeit.

Und die brauchen wir alle. Immer wieder.

Amen


 

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