( 1. Sam 3,1-10 ) - [ English ]
Bibeltext lesen
Eli hatte Recht gehabt. Es ist tatsächlich Gottes Stimme, die er gehört hat.
Der Text klingt mir wie ein heiteres Verwirrspiel. Wer ruft hier wen? Und warum? Samuel hört etwas und kann die Stimme nicht deuten. Er meint, der Priester Eli habe ihn gerufen, was aber nicht stimmt. Eli selber weiß nämlich von nichts. Dass hier Gott am Werk ist, erkennen wir, aber die Beteiligten nicht. Bis sich das Rätsel zum Schluss auflöst:
Exaudi: Herr, Höre meine Stimme. Das Hören und Hinhören steht heute im Zentrum unseres Gottesdienstes. Dahinter steht die Sehnsucht, Gott nahe zu sein. Du bist meine Hilfe, verlass mich nicht. So spricht der Psalmbeter, so sprechen auch wir. Oft.
Aber hören wir Gottes Stimme heraus, aus all den anderen Stimmen, die etwas von uns wollen? Hören wir denn auf Gottes Wort?
Zu der Zeit war das Wort des Herrn selten und es gab kaum noch Offenbarung, heißt es. Die Richter- und Rettergestalten hatten versagt. Es gab nur wenige Menschen, die Gottes Wort verstanden. Auch Eli ist ein alternder Mann, seine Söhne fragen nicht nach dem Herrn. Und so war dem Hause Elis der Untergang angesagt worden.
Aber die Lampe Gottes war noch nicht verloschen. Ja, das Wort des Herrn war selten, aber nicht verschwunden. Es gab noch Hoffnung.
Und so lange da Hoffnung ist, kann man mit dem Psalmbeter darauf vertrauen: der Herr ist mein Licht und mein Heil.
Samuel nun war derjenige, an den Gott sich wendete. Er war quasi für Gott das Hoffnungslicht in dieser Zeit. Es muss am Ende seiner Ausbildung gewesen sein, als Gott ihn rief. 3 mal ruft Gott nach ihm. In der Nacht.
Ich wünschte, es wäre auch bei mir so klar. Ich frage Gott, was ich tun soll in dieser Situation. Ich warte darauf, klare Anweisungen zu bekommen. Ich versuche, die biblischen Worte in unsere Zeit zu übersetzen. Und dann höre ich … nichts.
Was Gottes Ruf an Samuel deutlich macht, ist, das Wort Gottes kommt den Menschen von außen zu. Samuel macht dabei eine erstaunliche Erfahrung: Gottes Stimme ist nicht wirklich „anders“, viel mehr ist sie zum Verwechseln ähnlich mit einer Menschenstimme. Drei Mal läuft Samuel zu Eli. In seiner Erfahrungswelt gab es Ansprache und aufeinander-Hören bisher nur von Mensch zu Mensch. Was könnte er Gott in dieser Hinsicht zutrauen? Samuels Leben hatte sich nah am Tempel, ja sogar nahe der Bundeslade abgespielt, den Zeichen der Gegenwart Gottes also. Aber bisher war Gottes Stimme noch nicht unmittelbar zu ihm durchgedrungen.
Und wie gut, wenn es zuweilen jemanden gibt, der dann sozusagen Nachhilfe geben kann, wie Eli es für Samuel tun konnte. „Es braucht die anderen, um uns auf den Anderen hinzuweisen“, hat jemand gesagt (Alexander Deeg).
Wenn Gott zu uns spricht, dann sollen wir hören. Wir sollen uns auch stören lassen in dem, was wir gerade tun. Hören sollen wir und hinhören und … ja, das Wort ist nicht sehr beliebt: gehorchen. Früher war es mit das größte Erziehungsziel, dass Kinder „gehorchen“. Und auch für autoritäre Staaten und Regierungen ist es oberstes Gebot, dass ihr Volk „gehorcht“.
Dieses Sklavenempfinden ist allerdings nicht gemeint, wenn wir davon sprechen, genau auf Gott zu hören. Gott hat uns als mündige Menschen geschaffen und genau so hören wir auf ihn. Mit einem freien Willen. Wir können uns auch gegen Gott entscheiden. Das ist die größte Auszeichnung, die der Schöpfer uns gab. Wir können Gott folgen, ihn ablehnen oder – wie wir es heute oft beobachten – wir können an ihm zweifeln und uns zugleich nach ihm sehnen.
Hören und Hinhören.
Es ist gut, wenn man sich dafür auch bewusste Auszeiten nimmt. Zeiten der Stille, die es wahrscheinlicher machen, dass wir Gottes Stimme heraushören können von all den anderen Stimmen.
Um vom Alltag, auch vom Gemeindealltag herauszukommen, sind wir mit dem KV von Freitag bis heute zur KV Rüste gefahren, zu Padre Pio. Ein schönes Anwesen der kath. Kirche. Hören und hinhören. Aufeinander und auf Gottes Wort. Das haben wir uns vorgenommen zu tun.
Ihr wisst, Anfang September haben wir Visitation und da wurden uns Fragen zu unserer Zukunftsvision gegeben, die wir uns als gesamte Gemeinde vorbereiten sollen. Was unser Auftrag, was sind unsere Ziele in der Johannesgemeinde?
Mit dem Hören auf Gottes Wort fängt es an.
Exaudi, wir befinden uns in dieser Zwischenzeit. Wir warten auf die Kraft aus der Höhe. Gottes Kraft, sein Licht uns sein Heil, darauf sind wir angewiesen.
„Höre meine Stimme“ darum bitten wir Gott in all unserem Planen und Tun. „Höre meine Stimme“ das bittet Gott von uns.
Samuel merkt, dass Gott etwas mit ihm vorhat.
Wie viele Menschen nach ihm. Niemand kann wissen, wie Gott sich zeigen wird – damals nicht und heute nicht. Es scheint keine festen Regeln zu geben, auch nicht für die Berufung der Prophetinnen und Propheten. Überliefert sind uns Berichte über:
Jeremia, der Gottes Wort in den Mund gelegt bekam. Hesekiel, der gar eine Buchrolle verspeisen musste, um das göttliche Wort zu verinnerlichen. Jesaja, der in einer Vision die göttliche Herrlichkeit und Vollkommenheit sah und dessen Lippen erst einmal vorbereitet werden mussten, um Gottes Wort auszusprechen.
Die Bibel erzählt uns von Menschen, die Jesus nachgefolgt sind, weil er sie gerufen hat. „Folge mir nach“. Mehr brauchte es oftmals nicht. Und er stand auf und folgte ihm nach. Heißt es dann.
Die Lampe Gottes ist noch nicht verloschen.
Ich wünsche, dass wir Gott weiterhin zutrauen, sich in unserer Welt bemerkbar zu machen. Und dass wir darauf vertrauen, gerufen zu werden. Vielleicht mit zum Verwechseln ähnlichen Stimmen, vielleicht im Blick eines Gegenübers, vielleicht auch im Traum und vielleicht auch über ganz andere Kanäle heutzutage – wer weiß. Ich wünsche uns weiter, dass uns jemand hilft zu verstehen, wenn wir selbst nicht in der Lage dazu sind. – Ob es uns wohl gelingt, hinzuhören?
Ob er uns auch beim Namen ruft?
Dann können auch wir ihm antworten:
Rede, ich höre.
