2023-11-22 - Buß- und Bettag - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Hesekiel 22,23-31 ) - [ English ]


Bitte stellt euch vor, ihr nähert euch einem Städtchen am Strom des Euphrat. Irgendwo im Großreich Babylon. Es ist Markttag und die Menschen sind gekommen, um einzukaufen, zu handeln und um die neusten Informationen zu hören. Neuigkeiten von nah und fern. Überall hört man Stimmen über dem Platz. Man hört natürlich babylonische Sprachfetzen, aramäische Laute, andere fremde Sprachen und auch Hebräisch, denn die meisten Siedler im Städtchen selbst oder im nahen Umland sind vom großen König hier zwangsangesiedelt worden. Der Herrscher hat Kriegszüge geführt, auch nach Israel. Seine Bevölkerungspolitik bestand darin, die meisten der besiegten Feinde aus ihrem Land wegzuführen und ihnen irgendwo im babylonischen Großreich ein Wohngebiet zuzuweisen. So kann er sie besser unter Kontrolle behalten und verhindert Aufstände in ihrem Heimatland. 

An einer Seite des Marktplatzes sind die Stimmen besonders laut. Dort wird gestritten. Man hört wütende Äußerungen, aufgebrachte Tonlagen. Dazwischen Aufforderungen, sich zu beruhigen. Man hält eine Rede auf dem Marktplatz, auf dem sich viele Leute versammelt haben, um etwas unter vielen Leuten bekannt zu machen. 

Es gibt kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet um das Jahr 580 vor Christus in Babylonien. Wenn man etwas bekannt machen will, muss man die Leute persönlich erreichen. Man muss sie mit Worten packen. Und sie wollen ja hören. Auch deshalb sind sie gekommen, um Neues zu hören. Aber es muss auch in ihren Köpfen bleiben, wenn sie es weitererzählen sollen. 

Dort, wo die Stimmen besonders laut sind, wird hebräisch gesprochen. Es ist ein Streitgespräch unter Israeliten. Ihre Diskussionen und auch Streitereien drehen sich oft um ihren Gott, oder besser: um ihr Verhältnis zu Gott und wie das Leben nach den Geboten Gottes zu führen sei. Es geht oft hart zur Sache. Gott hatte ihnen zum Beispiel versprochen, ihnen das Land zu schenken, in dem sie vor dem Feldzug des babylonischen Königs wohnten. Ja, sie glaubten sogar, er hätte sie persönlich in das Land Israel geführt. Das war ein felsenfester Glaubenssatz. 

Und dann, und jetzt – sind sie hier. Kein eigenes Land mehr, weit weg von zu Hause. Auch weit weg von ihrem Gott? Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu. Die einen meinen: Gott hat gegen die babylonischen Götter verloren, wir müssen jetzt die anbeten und verehren. Die anderen sagen: Es gibt unseren so genannten Gott gar nicht, wir müssen das Beste aus der Situation machen, Geschäfte tätigen, Gewinne machen und ein möglichst gutes Leben hier in Babylon verbringen. Eine dritte Gruppe besteht darauf, dass Gott sie ein neues Kapitel ihres Glaubens lehren will, ja, manche sagen sogar, dieses Exil sei eine Strafe Gottes, die man geduldig hinnehmen müsse. Bis er sie wieder begnadigt und vielleicht ja doch wieder nach Hause führt. Gerade die Alten schwärmen von der guten alten Zeit und sehnen sich nach ihr.

Ein Redner zieht sie besonders an. Hesekiel heißt er. Seine Botschaft ist hart und scharf. Propheten sind von Gott geschickt, um den Menschen eine Botschaft zu bringen. Manche glauben den Propheten, manche finden sie lächerlich, manche lehnen das, was sie sagen, strikt ab. Das kennen wir von Jesus: Zeichenhandlungen, provozierende Reden, direkten Kontakt zu Gott. Nicht selten tauchen auch Gegenpropheten auf, die sich ebenfalls auf Gott berufen und das Gegenteil verkünden. Diese sind oft in engem Kontakt mit den Mächtigen, den Königen und Tempelpriestern, denen es vor allem um ihr Geld geht, um ihre Macht und Stellung in der Gesellschaft.

Hesekiel war in Jerusalem, vor der Deportation ins Babylonische Exil, selbst Priester gewesen und tat täglich seinen Dienst im Tempel. Jetzt steht er als Prophet auf dem Markplatz in dem kleinen Städtchen. Er spricht harte Worte. Solche Anklagen haben die Israeliten im Exil schon lange nicht mehr gehört. Er sagt: Euer Exil, eure Entführung nach Babylon ist eine Strafe Gottes. Ihr habt euch nicht an die Gebote gehalten, die Gott euch gegeben hat, deshalb seid ihr jetzt in dieser Lage. Ihr braucht nicht Gott anzuklagen wegen eures Unglücks, ihr selbst seid schuld daran. Ihr aber wolltet lieber Reichtum anhäufen, Ungerechtigkeit zulassen, die Menschen unterdrücken, Falsches prophezeien, den Armen, Elenden und Fremden Gewalt antun.

Seine Rede an diesem Tag ist überliefert. Hören wir seine Anklagerede: Lesen des Textes.

Harte Worte– Gott ist zornig. Kein Wunder, dass einige empört sind und Streitgespräche führen. Aber genau das ist die Aufgabe der Propheten. Die Menschen aufrütteln, damit sie wieder zurückfinden zu Gott und seinen Geboten. Gottes Gebote wollen den Weg zeigen für ein gutes Zusammenleben. Ohne Wegweiser verirrt man sich, die Zeiten werden schlecht, die gute Ordnung wird durcheinandergewürfelt.

Die Worte Hesekiels sind in der Bibel festgehalten. 

Irgendwann verändert sich seine Verkündigung für das Volk Israel. Er hört dann auf von Gottes Zorn zu reden. Gottes Barmherzigkeit gewinnt die Oberhand. Dann klagt Hesekiel nicht mehr an, sondern tröstet die Menschen und verkündet eine neue Zuwendung Gottes zu seinem Volk.

Darin liegt die Aufgabe der Propheten im Volk Israel. Sie sollen zeigen, wo die Menschen von Gottes Geboten abgewichen sind und sie zur Umkehr rufen. Nicht umsonst enden Jesu erste Worte im Markusevangelium mit: „Tut Buße, kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Buße bedeutet, sein Leben da zu ändern, wo wir von Gottes Willen abgekommen sind. Es bedeutet darüber nachzudenken, wo ich mich und meinen Weg ändern muss.  So ist Hesekiel einer der Gründerväter des Buß- und Bettages. 

Sowohl im Judentum als auch im Christentum gibt es bestimmte Zeiten, wo genau das im Vordergrund steht. Prüfung und, falls notwendig, Veränderung – sichtbar, greifbar, im wahrsten Sinne des Wortes weltverbessernd.

Was soll ich heute tun? Was müssen wir verändern in unserem Leben als Einzelpersonen, als Glaubensgemeinschaft, als Gesellschaft? 

Heute ist ein Tag darüber nachzudenken. 

Und überall dort, wo man in Gremien, in der Kirche oder in der Regierung darüber spricht, kann es zu Streitgesprächen kommen. 

Es wird Menschen geben, ja, einige kann man auch „Propheten“ nennen, die laute Diskussionen hervorrufen, vielleicht Empörung. Und manchmal braucht man das auch. Besonders da, wo man sich schon bequem eingerichtet hat. Da tut es gut, jemanden zu hören, der einen wachrüttelt und fragt: wohin geht ihr eigentlich? 

Was wir heute von Hesekiel mitnehmen, ist die Erkenntnis, dass unser Glaube auch auf den Marktplatz gehört, in die Öffentlichkeit, mitten in die gesellschaftlichen Diskussionen. Dort wo wir uns bewegen, in den Familien, bei der Arbeit, in den Gruppen und Kreisen, wo wir uns bewegen, sollen wir Stellung beziehen und unsere Meinung sagen. Und die Werte vertreten, die uns durch die Nachfolge Jesu, wichtig sind. Du sollst den Herrn deinen Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Wo wir dieses beherzigen, führen all unsere Diskussionen in die richtige Richtung. 

Gottes Barmherzigkeit werden wir spüren. Darauf dürfen wir hoffen. Amen

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