2023-11-26 - Ewigkeitssonntag - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Psalm 139,7-14 ) - [ English ]


Welch eine Fülle an Welten durchschreitet ein Mensch in seinem Leben? An Höhen und Tiefen, Freude und Leid, Licht und Schatten. An Begeisterung und Enttäuschung, Entdeckungen und Verluste. Siege und Niederlagen. Wir erleben es selber an uns. Und sehen und hören, was Menschen in unserer unmittelbaren Nähe geschieht. Zeitung und Nachrichten ziehen den Kreis noch weiter. So erfahren wir, wie Menschen anderswo leben. Und viele von Euch haben Angehörige im Ausland. Und selbst seid ihr z.T. weit gereist und kommt zum Großen Teil auch von einem anderen Ort als Pretoria. Und manchmal, da denkt man vielleicht bei sich, dass es anderen an fernen Orten besser geht als mir. Ist das Land dort nicht grüner und schöner? 

Aber hier wie dort gilt, der schöne Schein kann schnell weichen und Krankheiten hinterlassen ihre Spuren bei einem Menschen. Hier wie dort verliert jemand sein Leben: zu früh, zu überraschend oder nach viel zu schwerem Leid. 

Welche Welten durchschreitet ein Mensch in seinem Leben? 

„Die Welt ist eine Bühne“, schreibt William Shakespeare schon 1599. Und er meint damit: das Leben schwankt hin und her, auf und ab, wie ein Schiff auf hoher See: im Zusammenprall der unterschiedlichen Charaktere, im Überschwang der Gefühle oder monotonen Wiederholungen, in schier unfassbarem Glück oder in einem unentwirrbaren Geflecht aus Schicksalsschlägen oder Intrigen. Ist das Leben tragisch oder komisch? endet es in Zufriedenheit, Dankbarkeit, Freude? 

Peer Gynt, dem sagenumwobenen Helden aus dem hohen Norden geht es so: am Ende sitzt er am Grab seiner Mutter und sucht, was das Leben im Innersten zusammenhält. Dabei schält er eine Zwiebel. Er pflückt sie auseinander und sucht nach dem Kern. In der Zwiebel – aber eigentlich in seinem Leben. Er schält und schält eine Haut nach der anderen ab. Wir wissen es: einen Kern wird er nicht finden, denn eine Zwiebel hat ja keinen… 

Eine ganz andere Weltsicht finden wir im Psalm 139. Auch hier ist einer unterwegs. Auch hier geht einer bis an die Enden der Erde.  Aber der Beter des Psalms bleibt nicht allein zurück. Er singt ein Lied. Sein Lied. Das Lied vom fernen Gott, der ganz in der Nähe ist. 

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. 

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. 

Das erkennt meine Seele

Der große Theologe Eberhard Jüngel hat diese Verse das „hohe Lied der allgegenwärtigen Nähe Gottes“ genannt. Und es erinnert darin natürlich an das Hohe Lied der Liebe, in dem Kernsätze unseres Glaubens über die Liebe formuliert sind. Hier sind es Kernsätze über die Nähe Gottes. Da nimmt einer die Flügel der Morgenröte und bewegt sich zum äußersten Meer. Und er sieht: Gott ist längst schon da. In seinem Flug stellt sich der Beter vor: und was wäre in der Finsternis? Was wäre, wenn es um mich Nacht wäre? Was, wenn das Licht fehlt und man nichts mehr sieht? Dann, so heißt es: wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

Seit Jahrtausenden werden Menschen – wo auch immer sie unterwegs sind – von den Worten des Psalms begleitet, die sagen: Gott umgibt uns. 

Auf dem Bild stehen auch zwei Verse aus dem Psalm 139. Weil sie heute zum Ewigkeitssonntag gehören. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Ich glaube, gerade an einem Tag wie heute, an dem wir der Toten dieses Jahres gedenken und uns auch an die erinnern, die wichtig waren in unserem Leben, aber nicht mehr hier sind, da brauchen wir einen solchen Text, der unsere Vorstellung übersteigt.. 

Der Psalmbeter gibt seine Erfahrung, die er im Leben gemacht hat, an uns weiter. Deshalb fängt er an, von den Flügeln der Morgenröte zu erzählen, weil er vermutlich weiß, wie schwer es manchmal sein kann, wieder hoch zu kommen. Er spricht vom Licht, weil er weiß, dass Gott schon am ersten Tag der Schöpfung nicht mehr wollte, dass Finsternis das Erdreich bedeckt und deshalb sprach: es werde licht. Wie eine ferne Erinnerung daran klingen die Worte des Psalmbeters: und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele. Wo immer jemand trauert und sich fragt, wie es denn jetzt weitergehen soll, überall dort will uns der Psalm Flügel verleihen. Schaut doch her und seht, was ich sehe, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. „die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“ Der Psalm ist ein Weckruf gegen die Nacht. Ein Wiederspruch gegen alles, was dir das Leben schwer macht. Er setzt die Leichtigkeit der Flügel gegen die Mächte, die einen nach unten ziehen. Er setzt die Weites des Horizonts gegen alles, was einen in die Enge treibt und die Luft zum Atmen nimmt. Er bringt ein Stück ewiges Licht für alle, denen die Nacht vielleicht gerade näher ist als der Tag. Der Psalm ist eine flammende Rede für das Leben. Und er fragt nicht erst, ob es Gott gibt, sondern er geht davon aus, dass Gott da ist und wirkt. 

Wer trauert, der weiß, wie weit nach unten einen der Schmerz reißen kann. Die Trauer kann nicht weggeredet werden, sondern will durchlitten sein, dann wird sie aber auch kleiner mit der Zeit und verliert ihre dunkle Macht. Trauerwege sind manchmal lange Wege sind. Und manchmal auch einsame Wege, aber ich wünsche euch, liebe Trauernde, dass ihr dabei Menschen begegnet und Worten, die helfen, die Türen öffnen, damit sich euer Blick wieder himmelwärts richten kann. 

Diese Worte aus Psalm 139, vielleicht können sie heute schon ein Trost für dich sein. Sie sollen ein Licht sein auf deinem Weg. Vielen Menschen über lange Zeit hinweg sind sie zur Wegweisung geworden durch diese überwältigende Gotteserfahrung, die er an uns weitergeben möchte, damit auch wir uns aufrichten können. Mit Flügeln der Morgenröte.  

(Verse 7-14 werden noch einmal vorgelesen)

Amen

covid 19

Logo and link provide as required by Government Notice No. 417 of the
South African Department of Telecommunications and Postal Services