2023-12-10 - 2. Advent - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Offenbarung 3,7-13 ) - [ English ]


Es war um drei Uhr nachts, als Eleanor Roosevelt, die Vorsitzende der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ veröffentlichte. Sie sollte das „von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal“ sein.

Dies geschah am 10. Dezember 1948, genau heute vor 75 Jahren. Es ging in der Erklärung darum, dass allen Menschen ein menschenwürdiges Leben ohne Angst ermöglicht werden sollte. Die Kommission hat sich dabei auf die Achtung vor dem Leben und den Glauben an den Wert jedes Menschen berufen. Zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehören: das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit; das Verbot von Sklaverei und Folter; die Gedanken- und Glaubensfreiheit; das Recht auf freie Meinungsäußerung, Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohlbefinden – und weitere mehr.

Es ist eine umfassende Beschreibung des menschlichen Lebens entstanden, wie man es sich idealerweise vorstellt. Diese Menschenrechtserklärung hat nur einen großen Nachteil: Mit ihr ist keine machtvolle Durchsetzung der geforderten Ideale verbunden. Im Gegenteil – oft genug wirkt diese Erklärung hilflos, wenn man mit ansehen muss, wie trotzdem Diktatoren ihr Volk unterdrücken oder wie Kriege gegen eine Zivilbevölkerung geführt werden. Und man fragt sich: Was sind solche Erklärungen wert, wenn sie nicht auch durchgesetzt werden können?

Die Frage nach der Kraft und nach der Durchsetzung des eigenen Glaubens hatte die Gemeinde in Philadelphia auch. So deute ich jedenfalls die Botschaft, die aus der Offenbarung des Johannes an diese Gemeinde gerichtet ist:

Lesen des Textes

Die Gemeinde mit dem schönen Namen Philadelphia, zu Deutsch etwa: „geschwisterliche Liebe“, war damals in einer chaotischen Situation. Einerseits traten Lehrer auf, „Irrlehrer“. Es war nicht mehr klar, was die christliche Botschaft eigentlich ist. „Wer sind wir eigentlich als christliche Gemeinde?“ Diese Frage stand im Raum. 

Andererseits wurde die Gemeinde auch von außen bedroht. Dass die Christen den römischen Kaiser nicht anbeteten, machte sie bei den römischen Besatzern verdächtig. Der Verfasser der Offenbarung ist darüber besorgt, dass der Kaiserkult sich nun auch unter den Christen ausbreiten könnte. In dieser Situation erscheint die Offenbarung des Johannes als tröstendes und ermahnendes Wort für den weiteren Weg der Gemeinden.

Wenn ich diesen Predigttext genauer anschaue, sind es zwei Sätze, die mich besonders beschäftigen. Der erste Satz lautet (3,8)„Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“ Das Öffnen von Türen hat etwas mit Macht zu tun. Und der Satz „Ich habe vor dir eine Tür aufgetan“ bedeutet: da hat die Gemeinde jemanden im Rücken, der sie auf ihrem Weg stärkt. Der die Türen öffnet, die verschlossen schienen. 

Die Adventszeit hat eine besondere Beziehung zu Türen, denn sie ist auch eine Türöffner-Zeit. Wir haben in der letzten Woche schon intensiv über diese Tür öffnen Erfahrungen nachgedacht, auch mit dem berühmten Adventslied „Macht hoch die Tür“, das in diesem Jahr 400 Jahre alt ist. Und die Frage ist auch in dieser Adventszeit, ob wir erwarten, dass etwas kommt. Dass eine Tür aufgetan wird zu einer neuen Welt. Dass wirklich „Friede auf Erden“ werde. Allein die Haltung, mit der wir dem kommenden Fest begegnen, kann schon Türen öffnen – bei uns und bei anderen.

Der andere Satz, der mich sehr anspricht, lautet (V 8)„Du hast eine kleine Kraft.“ 

Man könnte den Satz so hören: du hast nicht viel geschafft. Du brauchst es erst gar nicht probieren. Aber man kann ihn auch so lesen: ja, du hast eine kleine Kraft, aber die ist da. Mit der kannst du etwas erreichen. 

Ich denke oft: Menschen, die es schwer haben, könnte so viel Mut gemacht werden, wenn man auf das sieht, was bei ihnen möglich ist, und nicht immer nur auf die Probleme und Lasten, die sie auch mitbringen. Der Satz geht bei Johannes ja noch weiter: „Du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt.“ Gottes Wort wurde bewahrt, und das hat die Kraft gegeben.

Vielleicht ist das ein Blickwinkel für die Adventszeit: Die Erwartungen herunterschrauben, aber nicht aufgeben! Dass es die große Besinnlichkeit gibt, das wünschen wir uns gegenseitig zwar jedes Jahr wieder. Obwohl jede und jeder weiß: Daraus wird meist nichts. Im Gegenteil, im Advent wird es oft noch stressiger als sonst. 

Genau in solch einer Situation soll man festhalten an der kleinen Kraft. Wie kann das aussehen? Ich stelle mir vor, dass sich der Blick auf die Nächsten richtet. Eine kleine Hilfe werde ich geben können. Ein Gespräch führen, einen Besuch machen, eine Hand ergreifen und halten. Das rettet nicht die Welt, aber es setzt ein Zeichen. Und wenn ich anderen helfen kann und die Dankbarkeit dafür erlebe, dann wird meine kleine Kraft sogar noch größer. 

Offene Türen, kleine Kraft: 

So könnte unsere Botschaft für diese Adventszeit lauten. Erstens: Guckt nach offenen Türen!  Vielleicht sehnt Ihr euch schon länger nach einer Veränderung im Leben, nach einem Aufbruch. Wenn Du auch nur eine kleine Kraft hast und dich von Gottes Wort getragen fühlt, dann wag es! Advent heißt nicht nur Ankunft, sondern auch Aufbruch zu dem, der ankommt. 

Ich komme noch einmal zurück zu der Erklärung der Menschenrechte vor 75 Jahren. Sie haben eine Tür geöffnet, sie haben nur eine kleine Kraft. Und trotzdem sind sie aus unserer Welt nicht wieder wegzudenken.

Der größte Erfolg der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ist, dass sie aus dem Bewusstsein der Menschen nicht mehr wegzudenken ist. Es gibt weltweit rund 1000 Gruppen, die sich für Menschenrechte engagieren. 

Ich schließe mit einem Zitat von Eleanor Roosevelt, das Antwort auf die Frage ist: „Wo beginnen die Menschenrechte?“ Sie schreibt: „An den kleinen Plätzen, nahe dem eigenen Heim. So nah und so klein, dass diese Plätze auf keiner Landkarte der Welt gefunden werden können. Und doch sind diese Plätze die Welt des Einzelnen: Die Nachbarschaft, in der er lebt, die Schule oder die Universität, die er besucht, die Fabrik, der Bauernhof oder das Büro, in dem er arbeitet. Das sind die Plätze, wo jeder Mann, jede Frau und jedes Kind gleiche Rechte, gleiche Chancen und gleiche Würde ohne Diskriminierung sucht. Solange diese Rechte dort keine Geltung haben, sind sie auch woanders nicht von Bedeutung.“

Das ist die kleine Kraft der Menschenrechte, die in diese Welt hineinwirkt. 

Ist sie wirklich klein? Darüber entscheiden wir alle, indem wir dazu unsere Haltung einnehmen, indem wir Türen auftun und versuchen, mit kleiner Kraft etwas Großes zu bewirken. Gott kommt in diese Welt mit Barmherzigkeit und Liebe. Es ist an uns, dies an die Menschen in dieser Welt weiterzugeben.

Amen

covid 19

Logo and link provide as required by Government Notice No. 417 of the
South African Department of Telecommunications and Postal Services