2023-12-17 - 3. Advent - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Mathäus 11,2-10 ) - [ English ]


„Nun küss sie doch endlich“ will ich in den Fernseher hineinrufen. Spannungsgeladene Ungeduld vor dem Happy End macht sich in mir breit. Worauf ich warte, das soll endlich geschehen. Sowohl im Film als auch im wahren Leben.

Je älter man dann wird, desto mehr verändern sich diese Wünsche. Aber auch im Alter wartet man auf Chancen, das Leben noch einmal in eine andere Richtung zu lenken.

Ich will endlich die Chance bekommen, noch einmal neu beginnen.

Das ist ein Wunsch, den Ihr mit Sicherheit aus Eurem Leben kennt.

Warten darauf, dass etwas Neues beginnt.

Warten - auch im Advent. Tag für Tag öffnet sich ein weiteres Türchen im Adventskalender. Ein süßer Vorgeschmack auf das große Fest. Die Kinder können Heiligabend kaum erwarten. Alle Jahre wieder.

Warten. Das ist oft unerträglich.

Advent – eine Zeit des Wartens. Denn da sollte doch einer kommen…

„Da sollte doch einer kommen“. Dieser Gedanke geht Johannes nicht aus dem Kopf. Unruhig läuft er in seiner Zelle auf und ab.

Seine Lage scheint aussichtslos. Eingesperrt – fest gesetzt – zum Warten verdammt. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Gerüchte erreichen ihn. Durch die dicken Mauern hindurch. Gerüchte darüber, dass Jesus durch das Land zieht und einzelne Menschen heilt, Feste feiert und Wein trinkt, mit Zöllnern und Sündern zu Tisch sitzt und von der Liebe Gottes redet.

Sollte ER es sein, auf den er, auf den ganz Israel gewartet hat?

DAS hatte er sich anders vorgestellt. „Bereitet dem Herrn den Weg“. Wahrlich, das hatte er getan. Sein ganzes Leben hatte er dafür gelebt, einsam in der Wüste. Zur Umkehr gerufen, Gottes Strafgericht angekündigt. Selbstlos. Doch nun: wo blieb Gottes Reich? Wenn Jesus es tatsächlich war: sollte der hier nicht eingreifen und mit harter Hand für Ordnung sorgen? Wo blieb die Rettung für alle und – wo blieb seine Rettung? Und würde er es noch erleben? Herodes, der brutale Herrscher, hatte ihn gefangen gesetzt. Seine Hinrichtung war nur eine Frage der Zeit.

„Los Jesus, mach zu, beeil dich. Viel Zeit bleibt mir nicht. Da sollte doch einer kommen, bist du es?“ Johannes will es genau wissen.

Ich lese den Predigttext. Er steht im Matthäusevangelium im 11. Kapitel. (Verse 1-6)


1Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten. 

2Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger 

3und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 

4Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: 

5Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt;

 6und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.


Liebe Gemeinde,

„Bist du es, der da kommen soll?“ Das ist die einzige Frage, die Johannes beschäftigt. Doch Jesus antwortet anders als erwartet. Er sagt nicht: Ja ich bin`s, keine Sorge, Johannes, es wird alles gut. Happy End. Nein, was er sagt, ist nur das, was alle bereits hören und sehen können: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt. Diese Antwort ist anders, als es sich Johannes erhofft hat.

Vielleicht kennt Ihr das aus Ihrem Leben auch: Situationen, in denen es so anders kommt als Ihr es erwartet habt. Enttäuschend. Aber immer wieder erfahren: da hat einer meine Pläne über den Haufen geworfen.

Hat Gott eingegriffen? Wenn ja, dann jedenfalls nicht so, wie ich es erwartet habe. Gefangen in meiner eigenen kleinen Zelle, komme ich ins Grübeln. Ich ärgere mich, dass ich dem allem so machtlos gegenüberstehe und höre nicht, wie es leise an meiner Tür klopft...Jesus kommt. Sicher, er kommt anders, als ich es erwarte, aber er kommt. Blinde sehen und Lahme gehen wieder. Jesus will die Welt anders haben als sie ist. Auf seine Weise! Bei ihm sind oft keine großen gewaltigen Aktionen zu sehen. Er zieht nicht einher mit Pauken und Trompeten. Bringt kein Feuer und Schwert, reißt nicht gewaltig die Fesseln entzwei - wie ein Superheld. Er kommt – anders als erwartet – zu dir und zu mir. Er will die Welt erneuern. Mensch für Mensch. Der Blinde sieht, der Lahme geht, der Aussätzige wird rein, der Taube kann wieder hören, und den Armen wird die frohe Botschaft gepredigt. Und selig sind, die sich nicht über ihn ärgern.

Es sind kleine Wunder, wenn Menschen aus der Dunkelheit wieder ans Licht, aus der Einsamkeit wieder in die Gemeinschaft zurückfinden. Wenn Kranke neuen Mut schöpfen. Wenn Trauernde den Tod eines geliebten Menschen überwinden und sich wieder dem Leben zuwenden. Wenn Menschen neue Kraft schöpfen, ihr Leben zu gestalten und nicht nur abzuwarten. Jesus kommt. Was kaputt ist, das heilt er. In die Verzweiflung bringt er Licht. „Öffne deine Ohren, öffne deine Augen. Hör und sieh.“ Das ist der Auftrag Jesu an die Jünger des Johannes: geht hin und sagt Johannes, was IHR hört und was IHR seht. Was WIR hören und sehen. Die großen und kleinen Dinge. Es geht nicht ohne uns und unsere eigene Erfahrung mit Gott.

Wo wir hin-hören und hin-sehen, da beginnt Gottes Reich. (Verse 7-10)


7Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was wolltet ihr sehen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird? 

8Oder was wolltet ihr sehen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. 

9Oder was wolltet ihr sehen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. 

10Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«


Johannes war ein Bote Gottes, der für Jesus den Weg bereiten sollte. Den Weg Jesu zu uns Menschen, den Weg von uns hin zu Jesus. Wegbereiter zu sein, das ist oft mühsam. Das bedeutet nämlich, Menschen auf die Gegenwart Jesu vorzubereiten. Dass nichts so bleiben muss, wie es immer war. Dass da Hoffnung kommt, die manchmal auch einiges durcheinander rüttelt und in Frage stellt. Aber der Weg führt zum Happy End. Wir alle sind Wegbereiter Jesu und Zeugen des Glaubens.

Wir warten nicht einfach ab und sehen zu bis sich irgendwelche anderen Menschen am Ende küssen. Mitten unter uns soll es passieren. Es könnte doch so sein: wir begegnen einander und versuchen zu verstehen, was den anderen bewegt.Das Reich Gottes beginnt da, wo wir den anderen zunächst so nehmen, wie er nun mal ist. Wir schenken Menschen Trost, denen alles hoffnungslos erscheint. Wir erzählen von unserer eigenen Hoffnung. Öffnen Augen und Ohren und helfen auf die Sprünge, damit Menschen in Bewegung kommen. Hin zu dem, der uns im Advent entgegenkommt. So könnte es sein und so ist es auch schon:

da geschehen kleine Wunder unter uns.

Da geschieht es, dass wir alle dem Herrn den Weg bereiten. Wie Johannes. Den Weg zu uns, denn dort will er hin. Und dort will er bleiben.

Amen

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