2024-04-07 - Quasimodogeniti - (DE) - Dr. Mark Rohwer

Johannes 20,19-29 ) - [ English ]


Predigt von Anne-Marie Nybo Mehlsen und Irene Mildenberger

Vorgelesen von Dr. Mark Rohwer


Liebe Gemeinde,

Viele unter uns haben vermutlich einige Aufkleber am Kühlschrank oder Kärtchen an einer Pinnwand. Es können Bibelzitate oder andere Sprüche sein, oder auch nur Bilder, die etwas Besonderes für mich bedeuten. Sie sind konkrete, kleine Türen in die Vergangenheit und auch in die Zukunft, in Träume und Pläne und glückliche Wiedereroberungen, wie eine Sammlung von Ikonen, eine andere Art von „sehenden Bildern“, die ihren Betrachter sowohl verwandeln als auch in ihm verschlossene Türen öffnen.

Auch Thomas will sich an etwas Konkretem festhalten, auf der Suche nach der persönlichen Erfahrung, die Tür zu dem zu öffnen, was neu ist und so schwer auch zu verstehen: die Niederlage des Todes nämlich. Jesu Tod am Kreuz.

Man nennt Thomas den Zweifler. Im Laufe der Zeiten ist viel über den Zweifel von Thomas gepredigt worden, über den Zweifel als unumgängliche Begleiterscheinung von Glauben, Hoffnung und Liebe. Wir werden vom Zweifel dazu getrieben, nach Gewissheit zu suchen, nach Bestätigung. Zweifel lässt einige von uns die Kirche suchen, oder die Natur oder die Musik und Bücher, oder das Gebet.

Einige kritisieren Thomas – sie hören hier auch die Worte so, dass Jesus Thomas kritisiert oder ermahnt. Während sie Thomas schelten, kommen mir allerhand Fragen – wo war Thomas in der letzten Woche? Wessen Zwillingsbruder ist er? Und leben seine Brüder und Schwestern noch immer? Vielleicht stand Thomas dem Judas nahe, der sich das Leben nahm wegen dem, was er verschuldet hatte. Vielleicht war Thomas derjenige, der sich der Untröstlichen annahm, oder war er einfach nach Hause gegangen, nach Galiläa? War er den Weg nach Emmaus gegangen, ohne zurückzukehren, wartete er vielleicht woanders auf Jesus?

Wer weiß das? Vielleicht ist es so, dass Thomas wissen wollte, dass es der gekreuzigte Jesus ist, dem sie begegnet waren – denn man kommt um das Leiden, die Trauer und den Tod nicht herum als ein Mensch, der ein Zeuge des Grauens gewesen war. Thomas wollte vielleicht eben nichts hören von Männern in leuchtenden Gewändern, Engeln und Erlebnissen auf hohen Bergen, wo er selbst nicht dabei war?

Ihr könnt hören: Es kommen viele Fragen auf, wenn Thomas als jemand dargestellt wird, der zurechtgewiesen und korrigiert werden muss, um zum rechten Glauben zu kommen. Glaube ist nicht Mathematik oder Grammatik. Man kann nicht auf Seite fünf in der Bibel oder Seite vier in der Dogmatik nachschlagen oder in den ersten drei Liedern des Gesangbuchs und sagen: „Hier steht es! Hier ist die Antwort!“

Wenn es so wäre, hätten wir es nicht mit dem lebendigen Gott zu tun, der uns Leib, Gefühle und Vernunft gegeben hat. Glaube ist eine Beziehung, ein Verhältnis zwischen uns und Gott. Deshalb wurde er Mensch in Jesus, deshalb machte er sich die schmerzliche Mühe, deshalb besteht er darauf, mit uns alle Tage zu gehen hier mitten in unserem Leben, Festtagen und chaotischen Alltagen.

Glaube ist eine lebendige Größe; so wie der Atem ist er etwas, was sich bewegt. Deshalb sind Glaube und Zweifel eng miteinander verbunden. Glauben heißt auch so zu sein wie Thomas – jemand, der überzeugt werden will, überredet werden will, der merken und fühlen will und wissen will, dass Christus da ist, nicht zuletzt: dass er für mich da ist! Für mich! Dass er mit mir zu tun haben will – denn hier nagt der Zweifel am tiefsten. Man weiß nicht, was in Thomas vor sich geht, als er so scheinbar hartnäckig darauf besteht, selbst Hand anzulegen. Aber das könnte eine Furcht davor sein, dass die Begegnung mit dem auferstandenen Christus nur etwas war für die Auserwählten.

Was nun, wenn Thomas von allen derjenige ist, der dort zurückgelassen ist, was vorher war – aber nun ohne Jesus, ohne Hoffnung, ohne das Licht von ihm, der alles im Lichte der Liebe sah? Zurückgelassen werden, sich selbst überlassen sein – da trifft der Zweifel am tiefsten.

Wenn man erst einmal dort gewesen ist – in der Grabkammer des Zweifels, dann weiß man, dass die Tore nicht von innen aufgemacht werden können. Sie lassen sich nur von außen öffnen, von einem, der stärker ist. Denn es ist eine tiefe Glaubenserfahrung, in der Nacht gewesen zu sein: Das ist auch eine Begegnung mit der Wirklichkeit der Auferstehung.

Nun spricht Jesus zu Thomas: Sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas war tatsächlich dabei, als Jesus Lazarus aus dem Grabe rief. Wäre es denkbar, dass Jesus nun Thomas herausruft? „Thomas, komm heraus!“

Jesus sagt Unglaube, also Nicht-Glaube!

Jesus tröstet nicht, er befiehlt eigentlich.

Da liegt ein kolossaler Ernst darin, dass Thomas darauf besteht, dass er Jesus wieder begegnen und spüren will als den vom Kreuz Gezeichneten! Thomas will die Auferstehung jetzt, in dieser Welt, in diesem Leben.

Deshalb ist es eine Befreiung, dass Christus, der Auferstandene, dasteht und Thomas befiehlt zu glauben. Thomas wird aus der Grabkammer befreit hinein in die Gemeinschaft mit dem Jesus, den er kennt. Thomas ist nicht allein gelassen in einer Welt, wo das Leiden und die Finsternis ja immer noch da sind.

Mein Herr und mein Gott!

Deshalb besteht für jeden Christen ein guter Grund dafür, darauf zu bestehen, diese Befreiung am eigenen Leib, dem eigenen Herzen zu spüren!

Es ist nicht unmöglich, und es bleibt nicht denen vorbehalten, die göttliche Visionen haben.

Das ist ganz wie mit den Kühlschrank-Aufklebern und Pinnwand-Kärtchen: Sie erinnern daran, die Welt mit neuen Augen zu sehen, mit neuer Erfahrung davon, dass Jesus uns nicht verlassen und aufgegeben hat. Das heißt sich aus den Grabkammern des Zweifels herausholen lassen und zuweilen dazu aufgefordert zu werden, die Furcht vor dem Verlassen-Sein fahren zu lassen.

Das ist nicht nur etwas für die, die ihre Augen vor Leiden, Einsamkeit und Trauer verschließen. Der Glaube ist die Gewissheit, dass der auferstandene Christus noch immer der Jesus ist, den wir kennen, der Menschensohn mit den Malen des Kreuzes, er, der das Grauen von innen kennt und sich ihm entgegenstellt.

Es könnte sein, dass dieser Thomas Zwillingsschwestern und Zwillingsbrüder auch unter uns hat. Immer wieder geht es uns genauso. Wir hören die Botschaft, in allen Ostergottesdiensten werden die Berichte von den Begegnungen der Jünger mit dem Auferstandenen verkündet. Aber das reicht uns Thomaszwillingen nicht: Wenn ich es nicht selber sehe und erlebe, kann ich es nicht glauben.

Kurz vor der Szene unseres Predigttextes hatte Jesus während seiner Abschiedsgespräche zu Thomas gesagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Aber genau das ist ja das Problem des Thomas am Osterabend: Er hat ja nicht einmal den auferstandenen Jesus gesehen und an seinen Nägelmalen als den Gekreuzigten erkannt – wie sollte er da den Vater sehen und erkennen und so glauben?

Und damit steht Thomas nicht allein da und auch seine zweifelnden Zwillinge nicht. Die anderen Jünger hatten ja Maria Magdalena auch nicht geglaubt. Und selbst als sie der auferstandene Christus angeblasen hatte mit seinem Lebensodem, sie neu geschaffen hatte, da schlossen sie sich immer noch ein. So sind die unösterlichen Thomaszwillinge in guter Gesellschaft mit ihrem Zweifel und ihrer Mutlosigkeit.

Aber in doppelt guter Gesellschaft sind sie, seid ihr, die ihr jetzt vielleicht hier in der Kirche sitzt, weil ihr wie Thomas in der Gemeinde bleibt. Denn damit fängt die Neugeburt des Thomas schon an. Jesus hat ja versprochen: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. So kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

Vielleicht müssen wir Thomaszwillinge manchmal länger warten als acht Tage, aber der Herr kommt auch zu uns, wenn wir ihn brauchen. Er kommt zu uns in der Gemeinde der Geschwister, die versammelt sind im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, so wie er es uns verheißen hat und wie er auch zu den versammelten Jüngern gekommen ist.

Wir empfangen seinen Friedensgruß, wenn wir beim Abendmahl hören: Der Friede des Herrn sei mit euch allen! Er lässt sich sehen: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Er lässt sich anfassen in seinem Mahl und wir reichen unsere Hand, um ihn zu ergreifen und zu be-greifen.

Durch die Taufe sind wir alle wiedergeboren, gehören zu der neuen, der Osterschöpfung.

Und wie Jesus dem ungläubigen Thomas erschienen ist und ihn neugeschaffen hat zu einem gläubigen Bekenner, so wird er sich auch allen Thomaszwillingen zeigen. Vielleicht geschieht das im Gottesdienst. Vielleicht dort, wo mir beim Gebet Gottes Nähe aufgeht. Vielleicht kommt er zu mir in einem vertrauten Gespräch unter Geschwistern. Vielleicht da, wo mir eines der alten Lieder auf einmal ganz neu wird, mich anrührt. Vielleicht zeigt er sich auch auf eine noch andere Weise, mit der wir jetzt nicht rechnen. Jesus Christus lässt sich nicht abhalten durch die verschlossenen Türen unseres Zweifels, sondern kommt zu uns, damit wir, die wir in der Taufe wiedergeboren sind, mit Thomas bekennen: Mein Herr und mein Gott.

Amen.

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