2024-05-05 - Rogate - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

2. Mose 32, 7-14


predigt english


Seid ihr schon einmal ins Gebet genommen worden? So sagt man doch, wenn man jemandem eindringlich ins Gewissen redet. So jemand ist Mose. Und denjenigen, den er ins Gebet nimmt, das ist Gott selbst. Er ist mutig. Gerade noch hatte Gott Mose die in Stein geschriebenen Zehn Gebote auf dem Berg Sinai übergeben. Und nun, da hörte Gott, dass sein Volk sich bereits von ihm abgewandt hatte. Mose, ihr Anführer, war zu lange weg gewesen. Und dann sammelten sie im Volk alles Gold und gossen sich ein goldenes Kalb, das sie anbeteten. Da wurde Gott zornig über sein Volk. 

Lesen des Bibeltextes

Gott ist richtig verletzt kann man so sagen. Aber Mose lässt sein Volk nicht im Stich. Er redet Gott ins Gewissen, nimmt ihn ins Gebet, tut Fürbitte für sein Volk. Gott sagt: Steig hinab zu DEINEM Volk, es hat schändlich gehandelt. Mose sagt: Es ist DEIN Volk, so halsstarrig es auch ist. DU hast es mit großer Macht aus der Knechtschaft in Ägypten geführt. Soll das alles umsonst gewesen sein? Er erinnert Gott in seiner fürbittenden Rede an seine Verheißungen. 

Vielleicht, liebe Gemeinde, ist das der Kern des Betens überhaupt: Gott an seine Verheißungen zu erinnern. 

Man kann diese Geschichte als eine symbolische Geschichte zwischen Gott und Mensch verstehen. Gott zeigt uns, was uns verloren gegangen ist. Dass wir ihm vertrauen. Was wir mit dem selbstgegossenen Gott, anrichten und bewirken, ist, dass wir uns allein auf uns selbst verlassen. Auf unsere Kraft und auf unsere Absicherungen. Wir haben manchmal so viel Angst, dass wir meinen, alles selbst leisten zu müssen, panisch fast. Alles muss möglich sein. Und merken dabei gar nicht, dass wir zuallererst mal Gottvertrauen haben sollen. Gott zeigt uns durch seinen Zorn diese vergessene Seite. Er nimmt uns Menschen ernst und in Verantwortung. 

Das Volk hat die Freundschaft mit Gott gekündigt und Gott stellt fest: 

Nun ist es nicht mehr „mein“ Volk. 

Gott hält den Menschen, indem er zornig ist, den Spiegel vor. So ist es, so wird es, wenn das Vertrauen zerstört ist. 

Und wo steht Mose?

Mose versucht, Gott im Gebet zu umzustimmen. Wenn ich mit Gott rede, dann passiert das auch, dass ich mit ihm rede und wenn ich mich verlassen fühle von ihm, Gott daran zu erinnen. Ist es wirklich das, was du willst? Dass in mir dieses Gefühl groß wird, mich von Gott verlassen zu fühlen und mich auf meinen Wegen allein zu lassen?  Mose gelingt es, Gottes Zorn zu besänftigen.

Gott bereut, was er seinem Volk tun wollte. Könnte Gott auch hierin einen Spiegelbild für uns sein? Sodass auch wir von manchem Zorn ablassen? Damit da nicht in einem Streit das passiert, dass man so enttäuscht ist und sich voneinander abwendet, sondern man an der Verheißung festhält, an dem, womit einst die Zuneigung zueinander angefangen hat und sich einander zuwendet, Dinge klärt und offen ist für eine neue Zukunft? So verpufft der Zorn nicht einfach, sondern lässt sich in Energie verwandeln, die einen Neuanfang ermöglicht.

In diesen Worten hören wir von einem außergewöhnlichen Augenblick in der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Es gereute Gott. Das, was Gott bereut, ist nicht wenig. Er nimmt Abstand von der Vernichtung. 

Und das macht er nun doch nicht um der Fürbitte des Mose willen. Wir lesen hier von nichts weniger als von der Kraft der Fürbitte. Fürbitte fällt Gott in den Arm, könnte man sagen; Fürbitte kann Gottes Wollen lenken oder umlenken. Darauf wollen wir hoffen wie damals Mose. Und nicht nachlassen, vor Gott für die zu bitten, die Gott dringend nötig haben.

Wer so für andere betet und mit Gott ringt wie Mose, merkt im Beten, wie sehr er das Volk liebt, wie sehr es wieder sein Volk wird und bleibt, so sehr es auch in Wüstenzeiten murrt und halsstarrig ist. Und gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, sich dieser Liebe, dieser Zusammengehörigkeit bewusst zu werden. So zu beten verändert nicht nur Gott, der nicht ein starres Prinzip ist, sondern auch Mose in seiner Haltung gegenüber dem Volk. Man möchte Mose ein paar Verse später in der Geschichte an seine eigenen Worte erinnern. Denn kaum sieht er nach seiner Rückkehr die Katastrophe mit dem goldenen Kalb, zerschmettert er voller Zorn die steinernen Tafeln, die mit Gottes Finger geschrieben wurden. Nun muss man ihm die Verheißungen um die Ohren reiben. Mose ganz menschlich!

Die Bibel wäre nicht die Bibel, wenn sie nicht die Realität einbezieht. 

Denn so ist es mit unseren Gebeten: Wenn wir um Gesundheit beten für einen guten Freund, einen Partner, eine Partnerin, wird das Gebet leider – vielleicht – nicht so erhört, dass es die Krankheit nimmt. Aber es bewirkt etwas in mir, in der Beziehung zueinander. 

Wenn wir um Waffenstillstand und Frieden beten in der Welt, dann werden deshalb nicht gleich der Waffenstillstand und der Frieden beginnen. Das Beten bewirkt aber, dass ich mich verbunden fühle mit dem Volk. 

Wenn wir um die Beendigung eines Konfliktes in der Familie beten, wird nicht gleich die große Umarmung sein, aber es wird meine Arme offener machen. Wenn wir darum beten, dass die Kirche ein Raum der frohen Botschaft und der tätigen Liebe ist und bleibt, wird sie nicht dadurch gleich ihre Strukturen verbessern und die Menschen werden nicht gleich zu ihr strömen. Aber ich werde meinem Gebet Worte und Taten geben und mich fürsorgender verhalten.

Im Beten sehe ich die Dinge in einem anderen Licht und dann mit einem anderen, weiteren Blick. Im Beten ignoriere ich die Fakten nicht, wie ausweglos sie mir auch erscheinen mögen. Im Beten gehe ich aus mir heraus und merke: Es geht nicht immer nur um mich. Im Beten erinnere ich mich an Bilder, wie es sein kann, wie es werden soll. Im Beten treffen die Bilder, wie es werden soll, auf die Wirklichkeit, die ist. Im Beten gebe ich angesichts der zu beklagenden Situation den Verheißungen wieder Raum.

Beim Beten werfe ich einen Anker in die Zukunft und taue mich daran fest. Im Beten hole ich die Zukunft in die Gegenwart. Beten verändert die Wirklichkeit nicht unmittelbar, aber mich, den Beter, die Beterin, und mein Verhältnis zu denen, für die ich bete. Beten schafft Solidarität. Und die Dinge laufen anders, wenn wir sie ins Gebet nehmen.

Wir befinden uns kirchenjahreszeitlich im Osterfestkreis. 

„Ein christliches Gebet sollte ein Stück Auferstehung realisieren und nicht in einem Zustand vor Ostern verharren“, schrieb die Mystikerin und Theologin Dorothee Sölle (1929-2003). „Wir erwarten nicht mehr Wunder von außen im Gebet, weil wir selber in das Wunder der Veränderung einbezogen sind und im Gebet unsere Zukunft vorwegnehmend formulieren.“ 

Mose tut das; Gottes Zorn hat ihn dazu bewegt. So ermutigt mich Mose, gegen das Gefühl von Gottes Abwesenheit und gegen jegliches zorniges Abwenden Gottes zu beten und ihm, Gott selbst, seine Verheißungen um die Ohren zu reiben. Das tut nicht nur gut, es verändert auch die Welt und macht sie zu meiner und zu Gottes Welt.

Amen

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