2024-05-09 - Himmelfahrt - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Apg. 1,1-11


predigt english


Liebe Gemeinde, ich habe ein Bild mitgebracht. Ein colorierter Kupferstich aus dem Jahr 1625/27, der das Geschehen an Christi Himmelfahrt zeigt. Das Bild stammt vom schweizerisch deutschen Kupferstecher Matthias Merian.

Man sieht darauf eine Menge staunender Menschen auf einem Berg, und oben am Bildrand schwebt eine dicke fluffige Wolke gen Himmel, aus der zwei Füße ragen. Himmelfahrt! Jesus entschwebt, und das letzte, was wir von ihm sehen, sind seine Füße …

Füße, mit denen Jesus seinen Jüngern immer vorausging.

Füße, die nicht müde wurden, von Ortschaft zu Ortschaft zu wandern.

Füße, die wenigstens einmal mit kostbarem Öl gesalbt und mit Haaren getrocknet wurden.

Füße, die ans Holz genagelt wurden.

Füße, die – wie es im Lukasevangelium heißt – nach der Auferstehung noch einmal 40 Tage lang den Jüngern die Idee vom Reich Gottes nahe brachten.

Jetzt entschweben sie und lassen die Jünger und diejenigen, die das Bild betrachten, alleine mit ihren eigenen Füßen zurück. Da stehen nun die Jünger, da stehen wir nun, heute– wir können nur in den Himmel schauen und glauben und darauf vertrauen, dass da diese Liebe, diese Kraft ist, die uns hier auf der Erde unsere Standfestigkeit gibt. Die Jünger hatten laut der Apostelgeschichte sogar noch die Botschaft bekommen, dass Jesus nicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist, sondern, dass er eines Tages wiederkommen wird und dann alles auf Erden wie im Himmel werden soll. Wir erkennen daran, dass sich die Gemeinden zur Zeit des Lukas von der Vorstellung verabschiedeten, dass das Reich Gottes in absehbarer Zeit beginnen würde.

Mit der Himmelfahrt wird dieser Anbruch auf einen unbestimmten Tag in der Zukunft verlegt.

Und wieder stelle ich fest, dass sich an dieser Vorstellung bis heute nicht viel verändert hat. Wir stehen tatsächlich unter dem Himmel und können nur staunen und überlegen, was wir denn jetzt mit der Zeit dazwischen anfangen.

Mischen wir uns doch mal unter die Jünger und hören ihnen zu, was sie bei sich denken: was ist nun mit Himmelfahrt passiert und was verändert sich nun in ihrem Leben?

Johannes findet als erster seine Sprache wieder: „Ich hab euch ja schon immer gesagt, dass er nicht von dieser Welt ist. Er ist jetzt da, wo er hingehört.“ Thomas entgegnet: „Wie meinst du das? Wir gehören doch auch zu ihm. Warum bleiben wir hier sitzen, einsam und verlassen? Das ist ja noch schlimmer als nach der Kreuzigung.“ „Du wirst schon sehen“, erwidert Johannes gelassen, „wir bleiben mit ihm verbunden, unsere Aufgabe wird es sein, Menschen auf der Erde für den Himmel zu gewinnen.“

Petrus beginnt laut zu denken: „Wenn er damals am Kreuz so entschwebt wäre, dann hätte ich das besser verstanden, aber warum gerade jetzt, wo wir endlich angefangen haben, wirklich zu verstehen, wie Gott im Himmel auch auf der Erde da ist?“ Philippus durchbricht als erster die Stille: „Eigentlich hast du schon selbst die Antwort gegeben, Petrus. Jetzt, wo wir endlich verstanden haben, worum es geht, stellt uns Jesus auf unsere eigenen Füße.“

„Schau, Petrus. Als Jesus dich aus deinem Dorf geholt hat, da bist du ihm treu hinterher gegangen. Und du bist Jesus einfach gefolgt. Wo er seine Schritte hingelenkt hat, hast du die deinen auch hingelenkt. Und wenn er wirklich mal ganz alleine sein wollte, war es schwierig, dir klar zu machen, dass du ihn nun wirklich nicht auf Schritt und Tritt verfolgen musst. Wann, denkst du, ist der Zeitpunkt gekommen, wieder eigene Schritte zu tun?“

„Wieso eigene Schritte? Mein Leben ist es, Jesus nachzugehen. Ich will keine eigenen Schritte machen!“

Philippus seufzt: „Weißt du noch, Petrus, wie Jesus uns einmal paarweise losgeschickt hat, um den Leuten von Gottes Reich zu erzählen und sogar zu heilen?“ Die Augen von Petrus strahlen: „Ja, in seinem Auftrag bin ich mit Andreas losgezogen – eine großartige Woche.“

„Und wer, Petrus, hat dir damals den Weg vorgegeben?“

„Na, Andreas, weißt du noch“, Petrus dreht sich zu seinem Bruder um, „wir haben damals immer gebetet und dann gemeinsam entschieden. Und Gott war mit uns auf unserem Weg.“

„Genau«, Philippus atmet auf, „und trotzdem waren es deine eigenen Schritte. Damals nur für eine begrenzte Zeit, dann ging Jesus wieder voraus, weil wir noch nicht genug verstanden hatten, um es immer so machen zu können. Aber jetzt, jetzt ist das anders. Und habt ihr nicht gehört, was die zwei Männern in ihren weißen Gewändern zu uns gesagt haben? Was steht ihr da und seht gen Himmel. Das waren doch ihre Worte.“

Thomas ist verwirrt: ja, was meinen die denn damit? Wo sollen wir denn sonst hinschauen? Nun ist es Petrus, der langsam anfängt zu verstehen: ich glaube, sie meinen, wir sollen nicht dem nachtrauern, was vergangen und entschwunden ist… wir sind dran, unsere eigenen Füße zu bewegen… Zeugen zu sein, an Gottes Reich zu erinnern bis Jesus wiederkommt irgendwann eines Tages. Vielleicht heißt es, dass wir wieder zwei und zwei lostigern wie damals. Aber was tu ich, wenn ich mal nicht mehr weiter weiß? Und wo treffen wir uns dann alle wieder?“

Andreas legt Petrus seinen Arm um die Schultern: „Petrus, ich glaube, wir sollen mutig sein und uns auf unsere Gemeinschaft zu verlassen. Solange wir an dem leiblichen Jesus kleben, übernehmen wir keine Verantwortung. Aber er hat uns doch Vollmacht zugesprochen, wir sollen Verantwortung übernehmen.“

Johannes ergänzt: „Und außerdem hat er uns doch so vieles gelassen, worin er immeranwesend ist.“ „Stimmt“, wirft Thomas ein, „beim Brotbrechen zum Beispiel – da ist er spürbar da. Und immer, wenn wir mit seinen Worten beten.“

„Und dann“, Johannes schaut bei seinen Worten verträumt in die Wolken, „dann werden wir auch noch seine Kraft auf ganz andere Weise erleben. Hat er uns nicht gerade die Kraft seines Geistes versprochen? Wir sind in Zukunft nicht mehr Jünger, nein, wir sind Zeugen. Er schickt uns als seine Apostel. Mit der Kraft seines Geistes werden wir stark sein. Weit über Israel hinaus können unsere Füße gehen.“

Die ganze Welt soll von Jesus erfahren, von dieser Hoffnungsgeschichte. Jesus ist und bleibt uns ganz nahe, als Gekreuzigter und Erhöhter.

Petrus schaut intensiv das Wolkenspiel im Himmel an: „Schaut mal, fast kommt es mir vor, als ob der Himmel jetzt heller ist. Wenn Jesus jetzt da im Himmel ist, dann ist es da sicher ganz hell, aber dann ist es bei uns auf der Erde auch heller ... das müssen wir im Herzen behalten.“

Philippus lächelt Petrus zu: „Manchmal, mein Lieber, sprichst du klüger als ein Philosoph. So könnte man unsere Aufgabe ja auch fassen: den Menschen zeigen, dass der Himmel bis auf die Erde reicht. Kommt, steht auf, gehen wir!“

Und wir liebe Gemeinde?

Ich glaube, dass es vielen Menschen ein wenig wie Petrus geht. Ich wünschte mir, Jesus würde ab und an zum Anfassen auftauchen und mir weiterhelfen. Aber Himmelfahrt ist das Fest, das uns in die Verantwortung nimmt. Ein Mündigkeitsfest sozusagen. Jesus als Mensch ist uns nur noch in den Spuren, die er hinterlassen hat, vor Augen. Die Kraft allerdings, die Kraft der Liebe Gottes, die ist noch genauso da wie vor 2000 Jahren.

Diese Kraft macht uns heute zu Nachfahren der Apostel. Zu Menschen, die überall und immer wieder dafür einstehen, dass Gottes Kraft wie im Himmel so auf Erden gilt. Zu Menschen, die sichtbar machen, dass durch das Dunkel hindurch der Himmel hell scheint. Und so hell, so hell wie der Himmel, so soll auch die Erde sein. Bevollmächtigt durch Gottes Geist können wir jegliche Angst vor dem, was da kommen mag, ablegen und mutig die Zeit gestalten, die uns auf der Erde geschenkt ist. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Jesus uns ganz nah ist und bleibt.

Amen.

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