2021-01-24 - 3. Sonntag nach Epiphanias - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt Ruth 1,1-19a ) [ Afrikaanse Vertaling ] [ Abkündigungen681.76 KB ]


Menschen und ihre Lebensgeschichten sind einmalig.

Und solche besonderen, einmaligen Lebensgeschichten begegnen uns in der Welt, in der Bibel, im Judentum, Christentum und anderen Religionen. Einige verstehen wir sofort, andere sind uns ganz fremd.

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Gott hat eine Vision für sein Reich, dass alle an einem Tisch sitzen werden. Und diese Vision lässt ihn nicht ruhen. Das Licht, das durch Jesus Christus erschienen ist, leuchtet nicht nur einigen wenigen Menschen. Sondern der ganzen Welt.

Und es ist Jesus selbst, der diese Vision verkörpert. Wir lesen in seinem Stammbaum im 1. Kap. des Mt  von dreimal vierzehn Generationen, die es von Abraham bis Christus waren. Ganz verschiedene Menschen und Lebensentwürfe. Und wir hören von 4 Frauen, die es in den Stammbaum Jesu geschafft haben: Tamar, Rahab, Rut und Batseba. Alle vier hatten kein geradliniges Leben, hatten ihre Not mit den Männern und der Liebe und alle vier … waren Ausländerinnen. Ich… glaube nicht an Zufälle in der Bibel. Ich glaube, das gehört zu Gottes Plan dazu.

Um uns all die Grenzen, die wir in unserem Kopf ziehen: oh die Frauen, oh Ausländer, oh keine geregelten Familienverhältnisse …vor Augen zu halten und uns zum Umdenken zu bringen.

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

So ist es in Gottes Reich.

Um eine der Frauen aus dem Stammbaum Jesu, die auch noch später die Urgroßmutter des König Davids wird, soll es heute gehen.

TEXTLesung

Liebe Gemeinde, es ist ja eigentlich eine Geschichte, wie wir sie aus dem AT kennen. Aber diese Geschichte ist doch ganz anders: wir hören viele Orte, viele Namen und eine verwirrend wirkende Lebensgeschichte. Die Lebensgeschichte von 3 Frauen: Noomi, Orpa und Ruth. Aber zuerst ist es die Lebensgeschichte von Noomi und Elimelech. Einem Ehepaar mit zwei Söhnen, die in Bethlehem leben. Dort brach nun eine Hungersnot aus. Deshalb entscheidet sich die Familie, Bethlehem zu verlassen und dorthin zu gehen, wo sie genügend zu essen erhofften. Ich ahne, welche Gespräche und Diskussionen diesem Entschluss voran gegangen sein mögen, denn niemand verlässt seine Heimat einfach so zum Spaß in so einer Situation. Damals nicht und heute auch nicht. Sie ziehen dorthin, wo man nicht hingeht zu der Zeit: ins Land der Moabiter. Immer wieder wird in den Schriften des AT vor ihnen gewarnt und Mischehen sogar verboten.  

Aber offensichtlich fühlt sich die Familie von Noomi hier einigermaßen wohl und bleibt. Elimelech stirbt. Dann sterben auch Noomis Söhne.

Übrig bleiben die drei Frauen: Noomi und die Schwiegertöchter Orpa und Ruth. Was hier in wenigen Sätzen erzählt wird, ist doch eigentlich eine riesige Katastrophe, emotional, aber auch wirtschaftlich, denn zu der Zeit leben Frauen gefährlich. Sie waren darauf angewiesen, durch Mann und Söhne versorgt zu werden.

Noomi beschließt, zurück nach Bethlehem zu gehen, wo es wieder Brot geben soll.  

Zunächst kommen die beiden Schwiegertöchter mit. Aber auf halber Strecke sagt sie es ihnen:Kehrt um. Geht zurück zu Euren Leuten. Sucht euch dort Männer. Mit mir habt Ihr beiden keine Zukunft.

Orpa und Ruth müssen sich entscheiden. Das nimmt ihnen niemand ab und das nimmt auch mir keiner ab. Gehe ich den Weg oder schlage ich einen anderen ein? Und ob es „richtig“ ist, das weiß ich oft erst hinterher. Und ich allein habe sie am Ende zu verantworten. Es ist schließlich mein Leben.

Nach langem Überreden von Noomi und viel Weinen verabschiedet sich die eine Schwiegertochter Orpa von den beiden Frauen.

Rut aber bleibt. Sie sagt den Satz, der diese Geschichte berühmt gemacht hat: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. (...) nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Ein Satz, den sich viele Hochzeitspaare als Trauspruch aussuchen.

Und es stimmt ja auch: es ist die Entscheidung und auch ein Versprechen, sich ganz mit einem anderen Menschen zu verbinden. Eheleute entscheiden sich dafür mit diesem Trauspruch. Ich erzähle ihnen dann, dass dieser Satz von einer Schwiegertochter zu ihrer Schwiegermutter gesagt wird, nachdem ihre beiden Ehemänner gestorben sind. Dann hört er sich nicht mehr ganz so romantisch an.

Trotzdem: Dieser Satz geht in die Tiefe.

Es sind zwei in Not geratene Menschen, die beschließen, gemeinsam den Verhältnissen zu trotzen und Grenzen zu überschreiten und einander Sicherheit zu geben.

Das ist eine wirklich große Geste zwischen zwei Menschen.

Und diese Geschichte räumt mit einer ganzen Menge von Vorurteilen auf, in denen es sich bequem leben lässt. Dass Männer stark und Frauen hilflos sind, dass es das alles Entscheidende ist, zu welchem Volk und zu welcher Religion man gehört. Noomi und Ruth zeigen uns das Gegenteil.

Noomi hat Rut nie gedrängt, ihren Glauben anzunehmen. Das, was zwischen den beiden wirklich stark war, das war die Beziehung, das Vertrauen, das Sich-Aufeinander-Verlassen-Können.

Und genau darin spielt dann Gott eine Rolle. Ich glaube: Überall dort, wo Menschen sich bedingungslos aufeinander einlassen, da ist Gott nicht weit.

Und Gott ist es dabei völlig wurscht,  wie die Lebensgeschichten aussehen.

Daraus, dass Menschen nicht ihren eigenen Vorteil, sondern die Not der anderen im Sinn haben, kann Gott Großes machen.

Gott selbst ist viel größer als wir ihn uns vorstellen können.

Der Hauptmann von Kapernaum, von dem wir vorhin im Evangelium gehört haben, war nun ganz sicher kein frommer Christ. Aber das hat er verstanden: Jesus ist nicht nur für die da, die ihm schon immer gefolgt sind. Er hilft auch über die Grenzen von Völkern und Religionen hinweg.

Und so ergeht es auch Rut. Sie wird gegen alle Engstirnigkeit der Israeliten und auch gegen alle unsere Engstirnigkeit: so ist es und so war es schon immer und so und so ist Gott und nicht anders – zu einer wichtigen Figur…als Frau, weil Gott es so will… und schafft es in den Stammbaum Jesu.

Der das Licht zu allen Völkern bringt. Dessen Licht wir in der Epiphaniaszeit feiern. Der Menschen schon jetzt an seinem Tisch zusammen bringt. Und mit dem Gottes Vision schon wahr geworden ist.  Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Wenn wir gleich das Abendmahl miteinander feiern werden, dann bekommen wir einen Vorgeschmack von Gottes Reich. Wenn die Grenzen in unseren Köpfen fallen, wenn wir Lebensgeschichten akzeptieren, die nicht unsere sind und wir uns darauf einlassen, ungewohnte Wege zu gehen und sich uns dadurch eine Lebenswelt öffnet, die uns noch nicht bekannt ist, aber die wir betreten können voll Vertrauen, dass Gott einen Plan hat und nichts einfach zufällig passiert.


Amen