2021-04-01 - Gründonnerstag - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt Mt 26,17-30 ) [ Afrikaanse Vertaling ] [ Abkündigungen217.02 KB]


Textlesung 1:  Mt 26,17-20

Da sitzen wir alle um diesen Tisch. Der Raum ist vorbereitet. Der Tisch gedeckt. Das Mahl bereitet. Eigentlich könnten wir ausgelassen feiern.

Jesus, die Zwölf und wir Frauen. Nur die engsten Freunde sind da. Es gibt Wein und Brot. Fleisch und Kräuter. Feierlich brennen die Kerzen. Wir feiern das Fest der Befreiung. Der Befreiung aus der Unterdrückung. Damals in Ägypten waren unsere Vorfahren Sklaven.

Und Gott hat sie mit mächtiger Hand befreit. Durchs Meer sind sie gezogen. Den Verfolgern entronnen. Und jetzt? Jetzt wimmelt es in der Stadt von römischen Soldaten. Die Menschen stöhnen unter der Last der Abgaben und der Korruption allerorten. Die Zeiten sind schlecht. Alle müssen den Gürtel enger schnallen. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Kriege werden geführt - nur um sich zu bereichern. Von Gerechtigkeit kann da nicht die Rede sein.

Ja, Gott, Befreiung wäre nötig. Noch einmal sollte Gott mit starker Hand zeigen, wer hier der Herr ist. Noch einmal sollte er seine Gerechtigkeit zeigen. Vor allem den Römern…

Von Gerechtigkeit und der Liebe Gottes hat Jesus gesprochen. Blinde hat er sehend gemacht und Taube hörend. Befreiend ist seine Botschaft. Darum bin ich ihm gefolgt. Ich habe meinen Wasserkrug damals am Brunnen einfach liegen gelassen und bin ihm nachgegangen. „Komm und folge mir nach.“ Hat er gesagt. Und etwas in mir wurde angerührt. Etwas, das ich nicht verstehe und kaum mit Worten beschreiben kann. Irgendwie hat er in mir eine große Hoffnung geweckt. Eine Hoffnung auf etwas Neues, Unbeschreibliches. Mein Herz brannte, als ich ihm nachgegangen bin. Ebenso wie die Herzen der anderen Männer und Frauen, die mit ihm nun schon so lange unterwegs sind.

Und nun feiern wir hier das Fest der Befreiung. Inmitten der Unfreiheit. Heimlich mussten wir diese Unterkunft suchen. Überall lauern Spitzel. Sie wollen ihm an den Kragen. Sie haben Angst. Sie haben Angst vor dem, worauf wir hoffen: dass endlich die Befreiung beginnt. Die Umwertung der Werte.

Irgendwie ist die Stimmung gedrückt. Etwas liegt in der Luft. Etwas, das ich nicht verstehe.

Oft verstehe ich ihn nicht. Er spricht so viel in letzter Zeit von Leiden und  Tod. Von seinem Tod. Ich begreife das nicht. Ich mache am liebsten meine Ohren zu, wenn er wieder davon anfängt. Mit Tod und Leid will ich nichts zu tun haben. Wir sind doch angetreten, damit endlich Schluss ist mit Leid und Krankheit. Hat er nicht Kranke geheilt und Tote auferweckt?

Textlesung 2: Mt 26,21-24

Jetzt beginnt endlich die Feier. Zum ersten Mal feiern wir das Passah hier in der Hauptstadt. Hier in Jerusalem. Hier soll die neue Befreiung beginnen. Die neue Welt ohne Unterdrückung. Ob es heute soweit ist. Ob Jesus heute endlich zeigt, wer er ist und welche Macht er hat? Spannung liegt in der Luft. Wir sind alle ungeduldig. Erst kürzlich hat er gesprochen vom Ende der Zeit. Vom Kommen des Menschensohnes. Und dass wir wachsam sein sollen.

Auf einmal sagt er: „Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“

Mir bleibt der Bissen im Hals stecken. Was soll das jetzt? Einer wird ihn verraten? Nie würde das einer von uns tun. Jedenfalls nicht mit Absicht. Jedenfalls nicht ohne Not. Höchstens in Angst. Obwohl – in letzter Zeit ist er vielen von uns fremd geworden. Er redet mehr von seinem Tod als von der Befreiung des Volkes. Ich verstehe das nicht. Früher hat er anders geredet. Oder mein Hirn ist zu klein um das alles zu verstehen. Er ist mir fremd geworden. Bin ich noch bereit alles für ihn auf mich zu nehmen? Oder würde ich ihn doch verraten?

Bin ich’s? Alle fragen: Bin ich’s? Jeder hier in der Runde hält es für möglich. Jesu Freunde sind nicht die starken und mutigen Helden. Wir sind Alltagsmenschen – alle miteinander. Und Verrat kennen wir alle. Da ist der dort hinten, Jakobus. Als junger Mensch hatte er Träume und Hoffnungen für eine bessere Welt. Er hatte Ideen für ein besseres Zusammenleben der Menschen ohne Gewalt und Gehetze. Dann hat er im Alltag seine Träume verloren. Der Kampf um seine Existenz und die seiner Familie hat ihm die Visionen geraubt. Doch dann hat er Jesus getroffen – und alles war auf einmal wieder da. Als Jesus vom Reich Gottes erzählte hat er sich darin wiedergefunden mit seinen alten Träumen – und er ist ihm gefolgt. Bis hierher. Und nun? Würde er wieder seine Visionen verraten?

Oder dort ist Levi. Er war Zolleinnehmer. Er lebte von Betrug und Verrat. Es war sein Alltag andere über den Tisch zu ziehen. Anderen Geld abzuluchsen und in die eigene Tasche zu wirtschaften. Doch dann kam Jesus und hat ihn so ganz anders angesehen. Er hat sein Leben geändert und ist ihm gefolgt. Doch wie würde er reagieren, wenn es hart auf hart ginge? Würde er nicht doch wieder in die alten Muster zurückfallen?

Da ist Maria von Magdala. Man sagt sie sei Hure gewesen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Sie hat nie darüber gesprochen. Erzählt hat sie nur, das sie sich früher, bevor sie Jesus kannte, selbst verraten hat. Sie hat Dinge getan, die sie nicht tun wollte. Sie hat sich verkauft – und dabei Schaden an ihrer Seele genommen. Auch sie weiß, was Verrat ist. Würde sie zu Jesus stehen, egal was kommt?

Alle fragen: Bin ich’s? Und alle könnten es sein. Wir sind keine Helden. Ich nicht und du auch nicht.

Textlesung 2: Mt 26,25-30

Wir sehen einander an. Jesus sieht uns an. Und es ist, als sähe er unser Innerstes. Als wüsste er um unsere Gedanken, um unsere Schwäche. Um unseren Kleinglauben. Keiner ist unter uns, der laut sagt: „Nein, Herr, niemals würde ich dich verraten.“ Jesus sieht uns an. Und still denke ich: „Herr, erbarme dich.“  Und dann ist es Judas, der offen fragt. Jesus weiß es. Judas weiß es. Aber er bleibt. Darf bleiben. Trotzdem.

Mir fällt irgendwie ein Stein vom Herzen und doch… hätte ich es nicht auch sein können?

Und dann nimmt Jesus das Brot, bricht es, gibt jedem von uns ein Stück: „Nehmt, das ist mein Leib.“ Ich spüre: Hier geschieht etwas Unglaubliches. Jesus gibt etwas von sich selbst. Seine Stärke für meine Schwäche. Seine Liebe für meinen Hass. Seine Hoffnung für meine Zweifel. Eine nicht gekannte Energie durchströmt den Raum. Wir gehören zusammen. Ganz eng zusammen. Das fühlen wir in diesem Moment. Nicht weil wir perfekt sind. Oder weil wir uns alle so gut verstehen. Wir gehören zusammen, weil Jesus uns verbindet:

„Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ Sagt er. Dieser Bund wird stark sein. Nichts kann mich trennen von seiner Liebe. Nicht einmal ich selber mit meinen Zweifeln und Ängsten. Und nicht einmal der Tod. Nicht einmal der Verrat. Wir gehören zusammen. Jesus schickt uns nicht fort. Dieses Brot und dieser Wein - sie verändern mich. Ich spüre neue Kraft in mir für einen Neuanfang. Ja, noch einmal von vorne beginnen – das ist möglich! Hier und jetzt.


Amen