( Predigt Klagelieder 3,1-6.15-26.31-33.37-43.55-58 ) [ English Translation ] [ Afrikaanse Vertaling ] [ Abkündigungen358.65 KB ]
1 Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute seines Grimmes.
2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.
3 Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag.
4 Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.
5 Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben.
6 Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind.
15 Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.
17 Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen.
18 Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin.
19 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!
20 Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's.
21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch:
22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
31 Denn der Herr verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
33 Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.
37 Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl
38 und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten?
39 Was murren denn die Leute im Leben, ein jeder über die Folgen seiner Sünde?
40 Lasst uns erforschen und prüfen unsern Wandel und uns zum HERRN bekehren!
42 Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast du nicht vergeben.
43 Du hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt und ohne Erbarmen getötet.
55 Ich rief aber deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube,
56 und du erhörtest meine Stimme: »Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!«
57 Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!
58 Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben.
Lieber Schwester, lieber Bruder
Wie gehst du um mit Leid, mit Enttäuschung, mit dem Schrecklichen, mit dem Dunklen im Leben?
So oft hört man in unsere Zeit Parolen wie „Denk positiv!“ Oder: “Nicht Mut verlieren!” “Halt die Ohren steif!”
Wie soll ich positiv denken, könntest du fragen, wenn alles doch so negativ ist. Krankheit greift um sich, Wirtschaft geht zurück, Politik ist im Chaos, Recht scheint zu schwinden. Wie da positiv sein, Hoffnung bewahren?
Das wunderbare am christlichen Glauben, an der Bibel, ist dass der christliche Glaube, dass die Bibel die Augen vor dem Dunklem, dem Schmerz, der Gebrochenheit in unserem Leben, in usere Welt nicht verschließt.
Der größte Teil der Bibel wurde nicht geschrieben in einer Lage des Wohlstands und Friedens, sondern die Bibel stammt aus Situationen, wo das Volk Gottes, die Gemeinde, litt, am Zerbrechen war, verfolgt war. Auch unsere Kirchenlieder stammen zum großen Teil aus schweren Zeiten.
So auch unser Predigttext für heute – aus Klagelieder 3. Ich lese mehr Verse, als vorgeschlagen sind. ---------
Das Buch der Klagelieder wurde geschrieben kurz nach dem Fall Jerusalems: Jerusalem wurde von den Babyloniern erobert, Tempel und Stadt geschleift, ein großer Teil der Königsfamilie und der Priesterschaft umgebracht, der letzte König musste das ansehen, und dann wurden ihm die Augen ausgestochen, und dann wurde der noch lebender Rest der Führungsschicht nach Babylon in die Verbannung geführt.
Das was dem Volk Gottes wichtig war: Der Tempel als Zeichen der Gegenwart Gottes, das Königtum Davids, das gelobte Land – alles war verloren.
Aus dieser Situation stammen die Klagelieder – 5 Lieder in den 5 Kapitteln, immer mit 2 oder 3 füßigen Versen, die jeweils mit den Buchstaben des hebräischen Alphabets beginnen.
In ihnen klagen die Dichter, klagt das Volk Gottes sein Leid, klagt Gott zum Teil an.
Wir lernen daraus: Wir dürfen vor Gott klagen. Wir dürfen Gott unser Leid, unseren Schmerz, unsere Enttäuschung bringen – auch wenn wir das Gefühl haben, Gott ist gegen uns, dürfen wir immer noch zu ihm kommen mit unseren Schmerz, sogar mit Wut und Anklage. Wir dürfen schreien, fragen Warum und Gott alles vorhalten.
Die Bibel geht mit Gott nicht vornehm höflich und zurückhaltend um, sondern sagt Gott direkt, wie es wirklich im Herzen ist. Und dabei vermeidet sie nicht das Dunkle, den Schmerz, die Zerbrochenheit unseres Lebens, sondern taucht mitten hinein ins Dunkle, und legt Gott das alles vor und auf.
Luther schrieb in den Heidelberger Thesen von dem Unterschied zwischen der Theologie des Kreuzes und der Theologie der Herrlichkeit: Die Theologie der Herrlichkeit vermeidet das Dunkle, will nur das Gute sehen und Wahrhaben – vor allem in und für sich. Die Theologie des Kreuzes dagegen sagt wie es wirklich ist, nennt Dinge beim Nahmen.
So auch die Klagelieder: Sie klagen Gott ihr Leid, klagen Gott auch dabei an – ganz ehrlich, unverhüllt:
1 Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute seines Grimmes. 2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. 3 Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. 4 Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. 5 Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. 6 Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind.
15 Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt. 17 Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen. 18 Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin.
Dort, wo wir dieses wagen, wo wir so ehrlich Gott unser Leid klagen, wo wir das Dunkle nicht umschiffen, sondern uns mitten hineinbegeben – dort werden wir merken dass Gott im Dunklen da ist.
Das ist ja, weswegen Gott in Jesus kam: nicht um oberflächlich auf der Glanzseite des Lebens, wo alles gut geht, dahin zu schweben, sondern er kam um in die Tiefen der menschlichen Existenz, in Leid und Schuld, in Gebrochenheit und Verzweiflung hinein zu kommen, und diese mit uns zu tragen.
Wo wir mit unserem Leid, mit der Gebrochenheit und Trauer, zu Gott kommen, da erfahren wir, dass er mitten in dem Leid, in der Trauer, in dem Kreuz schon da ist. Unser Leid, wir empfinden als uns von Gott auferlegt, ist Gott nicht fremd – sondern mitten darin ist er bei uns, und trägt in, mit und unter unserem Leid uns, und unser Leid, mit. Christus, der Gekreuzigte, ist dir nah im Leid, und wo du dein Leid ihm klagst und auflegst, trägt er dein Kreuz mit seinem Kreuz mit – und trägt auch dich im Kreuz.
Genau das erfährt der Beter der Klagelieder hier:
19 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin! 20 Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's. 21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: 22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. 30 Er biete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun. 31 Denn der Herr verstößt nicht ewig; 32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. 33 Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen. 55 Ich rief aber deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube, 56 und du erhörtest meine Stimme: »Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!« 57 Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!
58 Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben.
Wir erfahren Leid – vielleicht mehr jetzt, in diesen Jahren, als in Jahren davor – aber nicht mehr Leid, als Menschen in der Geschichte immer wieder erfahren haben. Uns scheint die Zukunft dunkel, verworren, unsicher. Vieles, was uns liebe und wert war und ist scheint im Zerbruch zu sein.
Mitten im Leid brauchen wir nicht die Ohren steif halten, ein Lächeln simulieren, uns stark geben und tun, als wäre das alles nichts. Nein, wir dürfen klagen, Gott klagen, was uns belastet, und wo wir an dem Leiden, was uns geschieht.
In dem Leid dürfen wir uns zum Kreuz fliehen: Wir sind im Leid nicht allein, sondern in Jesus ist Gott bei uns. Und – wie Gott Jesus durch Leid und Kreuz, durch Tod und Grab, zur Auferstehung und neuem Leben geführt hat, dürfen wir glauben, dass auch für jedes Ende, das wir erfahren, Gott uns einen neuen Anfang schenken kann und wird: Gott geht mit uns durch Dunkel zum Licht.
Diesem Gott können wir vertrauen – denn seine Treue ist groß und immer neu. Aus seiner Treue, seiner Gegenwart auch im Leiden und im Schwerem, dürfen wir Hoffnung schöpfen. Weil er uns trägt und uns zusagt: Fürchte dich nicht! Dürfen wir unsere Angst eingestehen, aber auch neuen Mut schöpfen.
22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
57 Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!
58 Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben.
Amen