2021-10-31 - 22. Sonntag nach Trinitatis - Reformationstag und Konfirmation - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Predigt Gal 5,1.13 ) [ Afrikaanse Vertaling ] [ English Translation ] [ Abkündigungen713.69 KB ]


Move 1 Ankunft, gemeinsame Wegstrecke, Fliegen

Liebe Festgemeinde und vor allem liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, 2 Jahre Konfirmandenzeit gehen heute zu Ende mit einem Fest. Es markiert den Abschluss, aber eigentlich doch viel mehr auch einen Neubeginn.

Schauen wir zurück. (Rucksack zeigen) Wie diese jungen Menschen auf dem Foto mit ihren Rucksäcken, so seid auch ihr zum Unterricht gekommen. Einige schüchtern, unsicher, mit Fragen im Gepäck: was kommt da auf mich zu? Werde ich gemocht, mag ich die anderen? Kann ich Freunde finden? Dazu auch mit im Gepäck Eure Erfahrungen mit Kirche, Kindergottesdienst. Pfadfinder. Religionsunterricht. Und natürlich euer eigenes Leben: mit glücklichen Zeiten und auch den Brüchen und Traurigkeiten, die es schon gegeben hat. Abschiede, die man nehmen musste. Neuanfänge, die ihr gewagt hattet.

So ein neuer Anfang war auch unsere Zeit vor zwei Jahren.

Wir haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht.

Ihr seid als Gruppe in der Zeit zusammengewachsen.

Und trotz Corona Einschränkungen hatten wir zwei wunderbare Freizeiten miteinander zum Thema Freundschaft und Abendmahl.

Und einiges bleibt offen an Aktivitäten, die wir später vielleicht noch nachholen können. Aber heute nun erst mal das Fest eurer Konfirmation und auch, weil 31. Oktober, Fest der Reformation.

Neubeginn. Als evangelisch lutherische Kirche erinnern wir uns an Martin Luther, der den Mut hatte, Dinge anders zu sehen. Mit dem Anschlag seiner 95 Thesen an die Wittenberger Kirchentür war die Reformation 1517 eingeleitet.

Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir. Sollen seine Worte gewesen sein. Er hat damit mehr bewegt, als er vielleicht beabsichtigt hatte. Dass sich eine neue Kirche gründete, war nicht sein Ziel. Er strebte eine Erneuerung der Kirche an. Meistens kommt es anders als man denkt.

Ein Thema, das er in den Mittelpunkt rückte, war das Thema „Freiheit“. Von der Freiheit eines Christenmenschen ist bei ihm die Rede, die sich denjenigen eröffnet, die glauben, dass sie durch Christus vor Gott gerechtfertigt sind und nicht irgendwelche Leistungen bringen müssen, bevor sie von Gott angenommen und geliebt sind.

So lese ich aus der Bibel im Galterbrief 5,1.13

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.

Ihr, liebe Konfirmanden seid zur Freiheit berufen. Ihr sollt frei sein und bleiben. Das wünschen wir euch heute, dass ihr euch immer wieder frei fühlt. Denn zur Freiheit, zu eigenen Entscheidungen zum eigenen Weg seid ihr berufen.

Die Konfirmation soll ein Schritt darauf hin sein.

Und diese beiden Feste passen sehr gut zusammen.

Move 2 Geschichte vom Adler, der nicht fliegen konnte

Ein Mann, so wird erzählt – fand einen ganz jungen Adler, der aus dem Nest gefallen war. Er nahm ihn mit nach Hause, steckte ihn zu seinen Hühnern in den Hühnerstall und gab ihm Körner zu fressen.

Nach einigen Jahren kam einer zu Besuch, der verstand etwas von Vögeln. Dem fiel der Adler auf und er sagte: „Der Vogel dort ist kein Huhn, sondern ein Adler.“

„Ja“, sagte der Mann, „das stimmt. Aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen. Er ist jetzt kein Adler mehr, sondern ein Huhn.“

„Nein“, sagte der andere, „er ist noch immer ein Adler. Er hat das Herz eines Adlers und das lässt ihn hoch hinaus fliegen in die Lüfte.“

„Nein, nein“, meinte der Mann, „er ist ein richtiges Huhn geworden. Er wird niemals mehr wie ein Adler fliegen.“

Darauf beschlossen sie, eine Probe zu machen. Der vogelkundige Mann nahm den Adler, hob ihn in die Höhe und sagte: „Du bist ein Adler. Du gehörst in den Himmel und nicht auf die Erde. Breite deine Schwingen aus und flieg!“

Der Adler schaute sich um. Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken und er sprang zu ihnen hinunter und pickte mit.

Der Mann gab aber noch nicht auf. Am nächsten Tag stieg er mit dem Adler am Arm auf das Hausdach, hob ihn empor und sagte: „Du bist ein Adler, breite deine Schwingen aus und flieg!“

Aber der Adler schaute wieder auf die Hühner im Hof, sprang zu ihnen hinunter und scharrte mit.

Da sagte der Hühnerbesitzer: „ich habe es dir ja gesagt, er ist ein Huhn und er bleibt ein Huhn.“

„Nein“ sagte der andere. „Lass es mich noch einmal versuchen. Er hat ganz sicher das Herz eines Adlers. Morgen werde ich ihn fliegen lassen.“

Am nächsten Morgen nahm er den Adler mit auf einen hohen Berg. Er hob ihn hoch und sprach: „Du bist ein Adler. Du gehörst dem Himmel. Breite deine Schwingen aus und flieg“

Der Adler zitterte, aber er flog nicht. Da ließ ihn der Mann direkt in die Sonne schauen (Bild vom Adler) und plötzlich schwang der Adler seine Flügel, erhob sich mit einem Schrei in die Luft und kehrte nie wieder zurück.

Move 3 Sehnsucht nach Freiheit – hab Mut

Für Freiheit braucht es Mut, sie zu nutzen. Und für die Eltern braucht es auch viel Mut, die Kinder loslassen zu können. Sie ihre Flüge unternehmen zu lassen.

im Leben gibt es Momente, wo wir uns eingeengt fühlen. Da machen wir nicht das, was wir eigentlich wollen. Oder haben keine Zeit und Kraft dazu. Dann ist es so, als ob wir nur die Körner aufpicken, die auf dem Boden liegen und nicht in die Sonne oder in den Himmel schauen.

Ihr Jugendlichen habt gesagt, dass ihr euch vor allem nach Freiheit sehnt, wenn es stressig ist in der Schule, wenn man Klavier üben muss, wenn ihr euch unsicher fühlt oder Angst habt. Aber auch der Gedanke war dabei, in sich selbst gefangen zu sein, wenn man böse Gedanken hat oder anderen etwas nicht gönnen kann oder die Erwartungen, die social norms an einen viel zu hoch sind. Das sind Gefühle, die einen dann auch gefangen halten und die Freiheit nehmen.

Bei Erwachsenen sind das oft ganz ähnliche Gefühle. Auch da erlebt man, dass es eng wird, dass Möglichkeiten fehlen: Erwartungsdruck im Job, die fehlende Energie mal etwas anderes auszuprobieren. Die Zeit, die immer wieder davon rennt. Oder auch die eigene Vergangenheit, frühere Erlebnisse, die immer wieder im Weg stehen.

„Ihr seid zur Freiheit berufen“. Du kannst Dinge, von denen du immer gedacht hast, du kannst das nicht. Du schaffst das nie. Du musst es ausprobieren, sonst kommst du nie in den Geschmack von Freiheit.

Das meint auch die Geschichte vom Adler, der nicht fliegen kann: in uns steckt ganz viel drin. Oft mehr, als wir uns selbst zutrauen. Und doch gibt es Zeiten, da sind wir wie Hühner, die nur auf die Erde schauen und nach Körnern picken.

Dabei können wir die Sonne sehen und in die Weite schauen:

Wer nicht anfängt mit dem Fliegen, der wird es nicht schaffen. Wer immer nur beim Träumen bleibt, der wird die Freiheit nicht spüren.

Move 4 Gott und die Freiheit

Und genau das ist die Richtung, in die Gott uns auf den Weg bringen will. Er traut uns etwas zu. Er will uns Kraft geben. Er glaubt an uns. Er hofft für uns.

Beim Glauben ist es ähnlich: schnell lässt sich sagen: mit Gott kann ich nichts anfangen. Ich spüre da nichts. Ich bin nicht religiös. Aber auch hier: wenn man es nicht ausprobiert, zu beten, die Bibel zu lesen, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen, dann kann ich es nicht wissen. Hoffen, Glauben und Vertrauen gehen nur, wenn ich es versuche, mich darauf einlasse, loszufliegen. Eine lebendige Beziehung zu Gott gibt mir Freiheit.

Move 5 hineingestellt in die Welt

Noch ein letzter Blick auf das Wort von Paulus an die Galater. Er schreibt: Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Allerdings nicht zu einer Freiheit, die nur dem Fleisch Raum gibt, also den Vorwand liefert für das, was du dir selbstsüchtig wünschst. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe.

Freiheit, liebe Gemeinde, ich denke, da sind wir uns einig: kann nicht grenzenlos sein.

Dient einander gegenseitig in Liebe. Das ist der Grund, auf dem meine Freiheit steht.

Wenn ich von der Angst zu kurz zu kommen befreit bin, können wir im Gegenüber, in der Liebe Neues erfahren und Freiheit erleben.

Dann, liebe Konfirmanden füllt sich euer Rucksack, den ihr sinnbildlich gesprochen mit zu den Konfistunden gebracht habt, weiter an mit für das Leben notwendigen Dingen.

Wir sind weiter gemeinsam auf dem Weg, wenn ihr das wollt. Ihr findet hier immer offene Türen.

Und ihr seid zur Freiheit befreit, in die Weite zu schauen, die Sonne vor euch, der Himmel über euch. Wie der Adler loszufliegen.

Gott sagt immer wieder „Ja“ zu euch. Ihr seid gut, so wie ihr seid. Befreit vom Leistungsdruck, gerade in Glaubensdingen.

Das ist Freiheit. Und diese Freiheit wünsche ich uns allen und vor allem euch Jugendlichen.


Amen