( 2. Korinther 6,1-10 ) - [ Afrikaans ] - [ Akündigungen365.58 KB ]
Viele Menschen gestalten die Passionszeit als Fastenzeit, als „Sieben Wochen ohne“. Ich bin hin und her gerissen in diesem Jahr. Eigentlich hab ich im letzten Jahr auf ziemlich viel verzichtet. Immer wieder. Und wir alle, in den letzten zwei Jahren haben auf vieles verzichten müssen durch all die Corona Regeln.
Verzichten … es hat immer für mich irgendwie einen negativen Beigeschmack. Ich darf etwas nicht. Ich soll etwas nicht und das steht im Fokus. Was es für einen Gewinn für mich oder auch für andere haben kann, das kommt dabei gar nicht zur Sprache.
Verzichten, um etwas zu gewinnen. Verzichten, um mich bewusster mit wesentlicheren Dingen zu beschäftigen.
Als vor fast 2 Jahren das ganze Land heruntergefahren wurde, wir ins Homeoffice und Homeschooling wechselten… das war ein harter Schnitt: die Umstellung auf Masken und Abstand fühlte sich damals noch fremd an.
Aber das andere gab es auch: Der Lockdown setzte vieles frei.
Plötzlich fielen lange Fahrwege im Berufsverkehr weg. Der Tag startete entspannter, vor dem Bildschirm tat es auch legere Kleidung. Viele haben auch gesünder gekocht, auch wenn das zu dem einen oder anderen Wohlfühlkilo mehr führte. Viele waren auch von Freizeitstress befreit. Von dem Druck, auch die Zeit nach der Arbeit mit Aktivitäten zu füllen, um dem Leben möglichst viel abzugewinnen und nichts zu verpassen.
Durch den erzwungenen Stillstand in der Corona Zeit, aber auch in meinem ganz persönlichen Stillstand durch meine Krankheit habe ich gemerkt, wie sehr vieles in meinem Leben sich doch oft an der Oberfläche bewegt. Alles läuft selbstverständlich immer weiter. Immer in Bewegung machen wir nie halt, um auch mal in die Tiefe zu gehen.
Was lässt uns tiefer blicken? Unter die Oberflächlichkeit unseres Alltags? Wenn eine Krise geschieht, wie die Corona Krise oder eine eigene Krankheit oder Schwäche. Aber auch so sinnlose Kriege wie jetzt in der Ukraine und die Angst, die damit automatisch auch mich befällt. Fassungslosigkeit und der tiefe Sturzflug, in dem ich feststellen muss: Es ist nicht selbstverständlich, dass es mir und den Meinen gut geht, dass es morgen schon ganz anders sein kann, als es heute war. Und… dass Frieden und Versöhnung … nichts sind, was wir einfach so besitzen. Die Realität sieht an vielen Orten anders aus. Krisen lassen tief blicken. Auf das, was alles nicht stimmt. In der Tiefe sind wir schwächer, ausgelieferter als sonst. Homeoffice und Homeschooling, das war nur was für gute Wohnverhältnisse und stabile Familiensituationen. Anderswo wurden Einsamkeit, Gewalt an Kindern und Frauen, Vernachlässigung und Überforderung unsichtbarer und schlimmer denn je. Ich kann mich selbst im Frieden wähnen und dankbar sein, dass ich nicht in der Ukraine lebe, aber ich denke, wir haben doch alle mittlerweile gemerkt, dass alles mit allem zusammenhängt und nichts ohne Auswirkungen bleibt.
Tief blicken lässt auch der zweite Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, der wohl persönlichste Brief des Apostels.
Lesen des Textes
Die beiden überlieferten Briefe an die Gemeinde in Korinth sind von tiefen Konflikten bestimmt. Da wird ein Drama sichtbar, von der Gründung der Gemeinde und ihren enthusiastischen Anfängen über interne Krisen hin zu ersten Irritationen und schließlich schweren Konflikten mit dem Apostel. Am Ende kommt es zur Versöhnung.
Aber so weit ist Paulus hier noch nicht. In seiner Abwesenheit sind andere Apostel in der Gemeinde aufgetaucht, die schlecht über Paulus reden. Auf einmal zweifeln die Korinther an seiner Glaubwürdigkeit. Sie sehen die Oberfläche und merken: so wahnsinnig beeindruckend ist Paulus ja nicht. Er schreibt starke Briefe, ja, das mag sein. Aber seine persönlichen Auftritte sind eher schwach. Will Christus wirklich so einen zum Apostel haben?
Aber Paulus gibt Kontra: In allem, was ihr als Schwäche seht, erweisen wir uns als Diener Gottes. Die Korinther wollen Zeichen sehen und Beweise hören. Ein Leben im Glauben muss für sie auch an der Oberfläche glänzen und glitzern. Paulus genügt der gekreuzigte Christus. Er allein gibt ihm Kraft.
Und Paulus muss es wissen. Seine Missionsarbeit ist mentale wie auch körperliche Herausforderung.
Paulus hat die Tiefen des Lebens erlebt. Aber gleichzeitig bekommt sein Leben dadurch Tiefe. Er macht Erfahrungen, die andere nicht mal ahnen. Intensive Gotteserfahrungen. Deswegen schreibt er jetzt: Ich habe sehr ehrlich mit euch gesprochen, ich habe euch gezeigt, warum ich so bin, wie ich bin. Ich habe Gott so oft im Ernstfall erlebt, ich kann das Oberflächliche nicht mehr.
Die Erfahrungen des Paulus sind nicht unsere Erfahrungen. Aber man entdeckt auch in sich selbst eine Tiefe, an die man nur allmählich herankommt. Oft vom Alltag verdeckt und dennoch am Rande des Burn outs. Wer ahnt denn schon, was in uns für Möglichkeiten liegen, von denen wir zuerst gar nichts wissen? Menschen ahnen ja oft, dass da eigentlich noch mehr sein müsste, aber sie wissen nicht wirklich, was das sein könnte. Irgendwas Großes, für das es sich lohnt zu leben. Durch oberflächlichen Glitzer kommt man an das Große nicht ran.
Ich kann es nicht kaufen. Eher: verzichten, um zu gewinnen.
Auch mal etwas riskieren und bereit sein, Schmerzen und Durststrecken zu erleben. Dann sehe ich auch tiefer… in mich hinein und in das, was die Welt im Innersten vielleicht zusammenhält.
In einer Welt, die jedoch lieber an der Oberfläche bleibt, können immer weniger Menschen mit den Untiefen des Lebens umgehen. Wenn dann eine Krise kommt, können sie das nur so erklären, dass Verschwörer im Hintergrund die Fäden ziehen.
Im Weltbild des Paulus zieht niemand im Hintergrund seine Fäden. Für ihn ist die Welt ganz und gar durchdrungen von der Kraft, die vom Kreuz ausgeht: der Auferstehungskraft! Denn für Jesus war das Kreuz ja nicht das Letzte, sondern in der Tiefe des Todes kam das Leben Gottes zu ihm. Das soll auch in unseren Bedrängnissen geschehen. Gerade dann sind solche Erfahrungen möglich, wenn da Konflikte sind und schweren Erlebnissen zu uns kommen.
In der Ukraine geschieht unendliches Leid. Aber wie einer gestern in den Nachrichten sagte: so einen Zusammenhalt hatten wir noch nie unter uns, Menschen gehen vielerorts auf die Straßen zu friedlichen Demonstrationen, es finden Friedensgebete statt. Da geht eine Kraft aus, die hoffentlich diesen Krieg bald beendet.
Die Passionszeit ist vielleicht gerade jetzt eine passende Zeit. Verzichten, um zu gewinnen. Sich schwach fühlen und doch stark, angewiesen auf Gott und dann die Erfahrung machen, dass Leben kommt.
Das ist nicht berechenbar und geschieht nicht automatisch.
Aber es ist eine Chance für uns als solche zu leben, „die nichts haben und doch alles haben“. Dann spüre ich: alles, was ich habe, bekomme ich von Gott. Und das ist ein Gefühl von Versöhnung. Von Frieden. In mir drin, der sich ausbreiten kann und soll und von dem sich andere hoffentlich bestrahlen lassen. Darauf hoffe ich, daran glaube ich. Amen