2022-06-05 - Pfingsten - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Apg 2,1-13 ) - [ English ] - [ Akündigungen444.11 KB ]


2022 06 05 pfingsten


„Schenk uns deinen Geist“

Liebe Gemeinde, wir feiern heute das Pfingstfest, die Ausgießung des Heiligen Geistes. Dabei bringen wir ganz verschiedene Erfahrungen mit. Der eine von uns kommt heute vielleicht in den Gottesdienst mit Dankbarkeit, weil er in seinem Leben schon viel von Gottes Geist erfahren hat. Eine andere kommt mit der Erwartung, dass sie der Heilige Geist endlich einmal persönlich anrühren möge. Wieder ein anderer kommt mit der Frage, wo denn vom Wehen des Geistes überhaupt etwas zu spüren ist.

Ich möchte dieser Frage mit Hilfe eines Bildes nachgehen. Wenn ich mir das Bild anschaue, dann sehe ich zuerst einmal nur bunte Farbkleckse: Gelb – Orange – Rot. Ein kräftiger dunkler Streifen geht senkrecht durch das Bild. Diesen durchkreuzt ein entsprechender waagrechter Streifen in dem oberen Bildteil. Man kann darin ein Kreuz erkennen. „Schenk uns deinen Geist“ nennt Manfred Boiting sein mit Wasserfarben gezeichnetes Bild.

Der Titel hilft uns, dem Inhalt des Bildes näher zu kommen.

Die gelbe Farbe oberhalb des schwarzen waagrechten Streifens lässt mich an Licht denken, das die roten Flammen umgibt. Man könnte hier an die Feuerzungen denken, von denen unser Bibeltext in der Apg spricht. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen.

Unterhalb des schwarzen Balkens befinden sich senkrechte rote Pinselstriche, über denen mit Bleistift Kreise gezeichnet sind. Sie schimmern unter der gelben Farbe schwach hervor. Ich meine, Gestalten erkennen zu können, auf die Flammen von oben her herunterfallen. Ihre Körper sind kräftig rot gemalt. Es scheint so, als sei in ihnen eine Feuerglut entfacht worden. Es ist, als ob diese Menschen von innen heraus glühen. „Feuer und Flamme für etwas sein“, an dieses Sprichwort muss ich hier denken.

Feuer und Flamme  - beide Begriffe lösen bei mir bestimmte Vorstellungen aus. Ich denke an einen großen Brand, bei dem die Flammen hoch züngeln. Ich denke an Worte, die entflammen, entbrennen, entzünden, glühen. Ich sehe ein Kaminfeuer, wie jeden Abend momentan im Pfarrhaus. Feuer ist faszinierend, hineinzuschauen. Und Feuer ist auch gefährlich. Ein kleiner Funke genügt, um einen großen Brand zu entfachen.

An diese Vorstellung knüpft die Pfingstgeschichte an. Hier wird geschildert, wie Menschen Feuer und Flamme werden für Christus. Der überspringende Funke bringt sie zum Glühen, er macht sie zu Menschen, die be-geistert sind, er macht sie zu „Geist – Bewegten“.

Die Apostelgeschichte des Lukas schildert, wie alle Hoffnungslosigkeit und Angst von ihnen abgefallen sind. Der Geist Gottes ist auf die Jünger übergegangen. Sie erheben sich, sie stehen auf. Aus der mutlosen Schar der Jünger werden die Apostel, die das Evangelium, die frohe Botschaft, in die Welt hinaustragen. Was war der Inhalt ihrer Rede?

Petrus verkündet Jesus, der gekreuzigt wurde, um uns vor dem Gericht zu retten, der auferweckt wurde, um uns neues Leben im Heiligen Geist zu schenken. Die Jünger voller Begeisterung, was sie mit diesem Jesus erlebt haben und was Gott will. Manche, die zuhören, merken plötzlich: Es ist dies keine langweilige Geschichte.

Worüber die da reden, das geht ja uns an! Die Geschichten von Jesus sind Geschichten zum Leben, zum ewigen Leben. Die Menschen verstehen, was die Jünger sagen. Da ist die Sprache kein Hindernis mehr. Was hier geschieht, ist die Geburtsstunde der Gemeinde Jesu Christi.

Aber nicht alle Zuhörer sind so begeistert von der Botschaft der Jünger. Manche reagieren mit Bestürzung, Entsetzen, Verwunderung oder Ratlosigkeit, manche auch mit Spott. Einige der Zuhörer halten die Begeisterung, die von den Jüngern ausgeht, für Trunkenheit. Aber die Jünger sprechen klar und deutlich. Unsere Collage heute als Lesung spiegelt, dass dem Ereignis von Pfingsten gerne die alttestamentliche Geschichte vom Turmbau zu Babel gegenüber gestellt wird. Damals verstanden sich die Menschen nicht mehr. Es ging ja nicht nur darum, dass sie die Sprache des anderen nicht mehr verstanden, sie verstanden überhaupt nicht mehr, was der andere meinte und fühlte. Jeder war mit sich beschäftigt, mit seinem Wohlergehen.

Der Turmbau zu Babel ist ein urgeschichtliches Beispiel dafür, wie eine Gemeinschaft zerbricht, wenn da kein Bemühen ist, die andere zu verstehen. Jeder geht dann seine Wege und gemeinsame Projekte sind nicht mehr möglich.

In der Apostelgeschichte (Apg 2, 46) heißt es nun: Sie waren täglich einmütig beieinander, sie hatten ein gemeinsames Ziel. Jeder nahm auf den anderen Rücksicht, man redete wieder miteinander und nicht mehr übereinander oder aneinander vorbei. Das ist doch auch heute in einer Gemeinde so: Wo Verständigung untereinander herrscht, da blüht sie. Und wollen wir das nicht eigentlich alle? Dass unsere Gemeinde blüht?

Das ist nicht nur eine Idealvorstellung, sondern das erfahren wir auch in unserer Gemeinde. Seit 30 Jahren nun haben Menschen hier gewirkt und tun es immer noch. In vielfältigen Bereichen wird zusammen gearbeitet, damit eben unsere Gemeinde zu einem Ort wird, wo alle sich willkommen fühlen. Es gibt immer etwas zu tun. Gemeinde ist nie fertig. Es ist immer ein Prozess. Der Geist weht, wo er will. Und wenn er weht, dann erklingt Musik, um gemeinsam Gott zu loben. Dann kommen Menschen zusammen, um Gottesdienst zu feiern, Große und Kleine. Und Menschen werden getröstet werden. Und ich könnte noch viel mehr dazu sagen.

Werfen wir doch jetzt auch einen Blick auf die dunklen Balken, die sich im Bild kreuzen. Es verbindet sich damit die Erinnerung an den Tod Jesu, der Scheitern und Erfüllung in einem war, Erfüllung einer unendlichen Liebe, die stärker ist als der Tod. So ist das Kreuz ein Hoffnungszeichen, das über den Tod hinaus zum Leben weist.

Der Künstler hat gelbe Flammen oberhalb und unterhalb des waagrechten Balkens gemalt. Ich denke, er will damit zeigen, dass der Geist Jesu Christi auf die Menschen übergeht, die unter dem Kreuz stehen. Auch wir können wie sie von Gottes Geist erfasst werden. „Geist–Bewegte“ leben von der Kraft, die vom Kreuz Jesu Christi ausgeht.

Das Wehen des Geistes ist vielfältig zu spüren - für den, der glaubt.

Menschen, die von der Glut des Geistes Gottes erfasst sind, sind auf unserem Bild ganz in kräftiges Rot getaucht. Die Farbe Rot steht für die Liebe. Die roten Gestalten auf unserem Pfingstbild zeigen mir: Erfüllt von Gottes Liebe werden Menschen getrieben, die frohe Botschaft Gottes für die Welt be-geistert weiterzusagen.

Wir gehören zu dieser Schar der „Geist–Bewegten“. Amen