Lk 15,1-3. 11-32
Liebe Gemeinde
Diese Geschichte vom verlorenen Sohn – oder vielleicht besser: Vom Barmherzigen Vater – ist wohl eine der bekanntesten Gleichnisse Jesu. Mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters ist es wohl auch eins, dass das, was Jesus uns von Gott lehrt, am deutlichsten macht.
Weil uns das Gleichnis als Ganzes so bekannt ist, will ich an drei Momenten etwas verweilen, um unser Verständnis vielleicht etwas zu vertiefen.
Zuerst:
der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.
Was hieß es damals, das Erbteil zu verlangen?
Sagte der Sohn damit nicht dem Vater: He Alter, ich kann nicht mehr warten, bis du stirbst, ich will es jetzt haben. Und heißt das nicht, das der Sohn dem Vater sagt: Du, dein Leben, ist mir nichts wert. Du bist nur ein Mittel zum Zweck, ein Hindernis auf meinem Weg, das Geld zu bekommen. Muss der Vater hiervon nicht tief verletzt worden sein?
Nach Jüdischen, alttestamentlichen Recht hätte der Vater durchaus den Sohn, der ihm so kommt, verstoßen, oder gar töten können.
Doch: der Vater tut das nicht. Er gibt dem Sohn, was er fordert.
Schon das ist erstaunlich, unerhört. Was für ein Weichling! Hätten vielleicht einige Hörer gedacht. Der Sohn, der dem Vater so kommt, sollte ausgepeitscht werden, damit er Respekt lernt – und aufs Feld geschickt, erstmal Arbeiten zu lernen.
Aber – der Vater lässt dem Sohn den Willen, teilt Hab und Gut.
Das griechische Wort das hier für ‚Guthaben‘, ‚Eigentum‘ gebraucht wird ist bion – Leben, Lebensgrundlage.
Stellt euch das mal vor: Der Vater ist Großbauer, Farmer. Hat er das halbe Vermögen in Bar rumliegen? Sicher nicht! Banken gab es kaum. Das Vermögen eines Farmers, eines Bauern war in Land und Tieren. Um dem Sohn das Erbteil auszuzahlen, muss der Vater Acker verpachten, Tiere verkaufen, Schuld aufnehmen. Es war nicht leicht – bei jedem Pachtvertrag, Schuldbrief, Viehverkauf ging dem Vater ein Stich durch die Seele – und musste er sich überlegen, wie hart es sei würde, diesen Verlust wieder auszugleichen.
Vater und der ältere Bruder mussten bestimmt hart arbeiten, Jahre lang, um auch nur ansatzweise den Schaden auszugleichen, den dieser Sohn ihnen zugefügt hat. Kein Wunder, dass der ältere Bruder nicht gut zu sprechen ist auf dem Jüngeren!
Und dann – dann geht der der Jüngere Sohn in ein fremdes Land, trennt sich von dem Land, das Gott dem Volk Israel gegeben hat – und damit auch von Gott. Er dann vergeudet diese hart erworbene, mit Schmerzen gegebene Vermögen mir nichts, dir nichts in der unverantwortlichsten, gesetzeswidrigsten Weise.
Wo es dann mit dem Vermögen zu Ende ist, und er bei den Schweinen landet – die Schweine sind den Juden Inbegriff der Unreinheit – denkt er da an den Vater?
Ja, doch, er denkt an den Vater – aber nur insofern als der Vater ihm doch noch nützlich sein könnte:
17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich!
Der Sohn denkt weiter eigentlich nur an sich. Er denkt weiter nur daran, das er einen vollen Bauch haben will, und Unterkunft.
Wieder will er den Vater gebrauchen für sich, um seine Bedürfnisse zu erfüllen, seine Not zu lindern.
Ich meine, er hat noch gar nicht eingesehen, wie schwer er den Vater verletzt hat, wie gravierend seine Sünde war.
Und trotzdem:
20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.
22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße
23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein!
24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Der Vater sieht ihn von Weitem. Das heißt: Der Vater war ständig auf Ausschau: Wann kommt der Sohn nur wieder. Immer sehnte er sich nach der Rückkehr des Sohnes. Stets suchte er den Horizont ab: Wann kommt er nur?
Und dann rennt er ihm entgegen.
Ein erwachsener Mann hohen Standes im Nahen Osten rennt nicht. Er schreitet würdevoll daher – und alle und alles kann auf ihn warten, den er hat Würde, Ansehen.
Dass der Vater rennt, heißt: Er wirft alle Konvention, alle Würdigkeit von sich.
Und dann umarmt der Vater den Sohn. Er umarmt den Sohn, der ihn so tief verletzt hat. Er umarmt den, der ihn unglaublich viel gekostet hat. Er umarmt ihn der gerade von den Schweinen kommt, und nimmt seine Unreinheit auf sich.
Überaus anstößig muss dieses den Zuhörern gewesen sein: Welch ein Bild von Gott zeichnet Jesus hier?
Ein Gott, der sich verletzen lässt, der nicht mit der Strenge des Gesetzes ahndet, was an Vergehen ihm gegenüber begangen wird! Ein Gott, der Würde und Reinheit hinter sich lässt, und sich abgibt, sich erniedrigt, sich einlässt mit den unreinen Sündern, die nicht einmal wirklich Buße tun, sondern weiter nur an sich denken? Welch ein Gott soll das sein!
Genau diesen Gott bringt Jesus uns nahe – und in Jesus lässt Gott sich verletzen, trägt unsere Unreinheit, unsere Sünde, kommt zu uns, umarmt uns und setzt uns wieder voll in die Kindschaft, als Erben ein!
Welch eine Gnade, welche Barmherzigkeit!
So sehr hat der jüngere Sohn den Vater verletzt!
So wenig hat er wirklich sich geändert.
Trotzdem: Der Vater vergibt, umarmt, nimmt auf.
So ist Gott – so barmherzig.
Und wir – du und ich?
Jesus erzählt dieses Gleichnis, als die Pharisäer über seine Gemeinschaft mit ‚Sündern‘ sich beschwerten.
Wo sind wir – du und ich – wie der verlorene Sohn, die Gott nur für unsere Zwecke gebrauchen, aber nicht wirklich einsehen, wie tief wir Gott verletzen?
Wo sind wir – du und ich – nicht bereit, so wie der Vater zu vergeben und die aufzunehmen, anzunehmen, die wir als Sünder betrachten?
Möge Gott uns seinen Geist schenken, dass wir wahrlich zu ihm kommen, und unser Herz wandeln, dass wir gerne die annehmen, denen Gott barmherzig ist.

