( Jesaja 54,7-10 ) - [ English ]
Je näher sie der Urnenwand kam, umso schwerer wurden ihre Schritte.
Erst vorgestern war die Urnenbeisetzung gewesen. Mit so vielen Menschen. Wie in einem Dämmerzustand hatte sie diesen Tag erlebt. Die Nacht vorher hatte sie kaum geschlafen. Immer wieder tastete sie an die Seite neben sich, fühlte, suchte. Das Bett war leer. Sie brauchte diese vergebliche Suche, um zu verstehen: Er ist nicht mehr da - er kommt nicht mehr wieder.
Die beiden Polizeibeamten hatten verlegen, ja fast ängstlich geschaut, als sie die Tür öffnete. "Es tut uns so leid, wir müssen Ihnen mitteilen. - Ihr Mann - er hatte einen Autounfall.
Sie war am Tag der Beerdigung sehr früh aufgestanden, ging durch die Wohnung. Sie schaute ins Kinderzimmer. Leer. Ihre Freundin hatte die Kinder zu sich genommen. Auch sie hätte bei ihrer Freundin bleiben können, aber sie wollte nicht. Sie musste allein sein, für sich, in der Wohnung. Irgendwann klingelte der Wecker. Sie hatte ihn so gestellt, dass sie wusste: In einer Stunde muss ich los..... Sie wollte diesen Weg alleine gehen, ganz bewusst. "Ich muss demnächst so viele Wege alleine machen, da fange ich am Besten mit dem Weg zur Trauerfeier an!" hatte sie ihren Eltern gesagt, die sie von zu Hause abholen wollten. Von weitem sah sie schon alle: ihre Eltern, die Geschwister mit ihren Familien, die Oma, ihre Freundinnen und Freunde, seine Arbeitskollegen. Stumme Begrüßungen, Worte, die sie hörte und doch nicht hörte. "Was haben sie nur gesagt . . ."
Die Orgel spielte schon, als sie in die Kirche kam und langsam nach vorne ging, dort, wo ihre Eltern und Geschwister saßen
"Worüber hat die Pfarrerin nur gesprochen?" fragte sie sich. Sie blieb einen Augenblick stehen. Vielleicht, um sich besser erinnern zu können? Oder zögerte sie, denn gleich, hinter der nächsten Abzweigung, war die Urnenwand. ‚Berge', ‚Hügel' diese Worte aus der Traueransprache fielen ihr ein, weil sie daran denken musste, dass nun das Leben ohne ihren Mann wie ein unüberwindbarer Berg vor ihr stand.
Sie ging um die Kirche rum, den Blick auf den Boden gerichtet, in sich selbst versunken. Langsam ging sie weiter und sie sah dort jemanden stehen. Sie erkannte ihre Oma sofort. Sie lächelte. Und dann standen sie beide nebeneinander, schweigend vor dem Grab. Sie griff nach der Hand ihrer Oma, dieser schönen, alten, warmen Hand. Sie fühlte sich geborgen und wehrte sich nicht gegen die Tränen. "Komm, wir gehen jetzt zu mir und trinken einen Kaffee!" Das waren die ersten Worte, die Oma sagte. Sie hakte sich unter und fühlte sich irgendwie befreit, als sie sich auf den Weg machten.
Der Kaffee tat gut. Sie saßen nebeneinander. „Sag mal Oma, worüber hat die Pfarrerin eigentlich gestern bei der Trauerfeier gesprochen? Ich hab da nichts mitgekriegt, es lief alles an mir vorbei. Nur an die Worte ‚Berge', und ‚Hügel' erinnere ich mich." Die Oma schaute sie an: "Das war ein Text aus einem alten Prophetenbuch. Jesaja - Warte, ich hole mal die Bibel und dann schauen wir nach."
"Hier ist der Vers, ich lese ihn mal vor - es ist mein Konfirmationsspruch!"
‚Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.'"
Sie dachte einen Augenblick nach, runzelte die Stirn und sagte dann:
"Ja, das ist wohl die Stelle mit den Bergen und Hügeln - aber was meint Gnade hier?" Sie weinte.
Was hat denn der Unfall meines Mannes mit Gnade zu tun?
Wo war Gott, als es passierte?"
"Weißt du", die Oma umfasste nun ihre Hände, "ich bin sicher, dass Gott da war, in dem Augenblick, als es passierte!"
"Du meinst", sie machte eine kurze Pause, dann wurde ihre Stimme etwas lauter, "du meinst, Gott war wirklich da? Warum hat er das dann nicht verhindert - oder", sie machte wieder eine kurze Pause, "willst du vielleicht damit sagen, dass das so was wie eine Strafe war!"
"Ach Kind, wie gut ich dich verstehe!" Die Oma schaute sie an.
"Du weißt ja, dass mein Vater nicht mehr aus dem Krieg zurückkam. Wenige Tage vor Kriegsende. Eigentlich war es auch so was wie ein Unfall. Seine Einheit war auf dem Rückzug, es war wohl mehr Flucht, als sie in ein Minenfeld gerieten. Es gab viele Verletzte und einige Tote.– meine Mutter, wir alle konnten es nicht verstehen. Aber mir hat mein Konfirmationsspruch geholfen. Ich war - und bin ganz sicher, dass mein Vater nicht alleine war, als er starb." Sie machte eine kurze Pause.
"Weißt du, Kind, die Bibel sagt zwar, dass es Unglück, Leid und Unrecht gibt, wenn man sich von Gott entfernt. Und dann denken die Menschen, dass Gott sich abgewendet hat, und dass er zornig ist und die Menschen vielleicht auch straft. Jedenfalls haben die Propheten, auch dieser Jesaja, das Volk Israel immer vor so etwas gewarnt.
Das hat aber nichts damit zu tun, was meinem Vater und deinem Mann passiert ist. Nur", sie hatte schon längst wieder die Hand ihrer Enkelin ergriffen, "nirgendwo steht in der Bibel, dass es kein Unglück, kein Leid und keinUnrecht gibt, wenn man nur fest genug glaubt!"
"Weißt du", hörte sie die Oma sagen, "es gibt so wunderbare Verse in der Bibel. Im Psalm 23 heißt es "Der Herr ist mein Hirte" und weiter: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir....' Darum bin ich sicher, dass dein Mann - und auch mein Vater nicht alleine waren - und", sie merkte, dass die Oma etwas zögerte, "das ist für mich Gnade!"
Sie schaute die Oma erstaunt an, griff nach der Bibel und zog sie zu sich herüber. Sie hatte bemerkt, dass die Oma ein Lesezeichen in die Seite mit den Bergen, Hügeln und der Gnade gesteckt hatte.
"Wenn du möchtest, lies es doch laut vor!" sagte die Oma.
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Sie strich mit ihren Händen über diese Stelle. “Weißt du was, Oma?" - Sie setzte sich entschlossen hin. "Ich habe zwar nicht alles verstanden, was da steht. Aber ich möchte glauben, dass Gott bei dem Unfall dabei war und ihn nicht alleine gelassen hat. Und ich möchte glauben, dass er mich auch nicht alleine lässt - und die Kinder, jetzt, wo so viel vor uns liegt. Wir werden noch oft traurig sein - und weinen - und denken, wir schaffen das alles nicht. Aber jetzt möchte ich mit dir gemeinsam die Kinder abholen und noch einmal zur Urnenwand gehen. Und dann werden wir ihnen erzählen, dass Gott uns nicht alleine lässt - was immer auch passiert, und dass ihr Papa jetzt auch nicht alleine ist.
Und dann gehen wir wieder zu dir und kochen etwas, reden miteinander und spielen mit den Kindern. Und dann", sie schaute ihre Oma an, "dann schreibe ich mir diesen Bibelvers ab."
10Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
Amen
